Euro-Office-Streit, Code

Euro-Office-Streit: 98,6% Code stammt aus Russland

09.06.2026 - 21:45:11 | boerse-global.de

Die Document Foundation wirft Euro-Office Irreführung vor und kritisiert die Abhängigkeit von Microsofts OOXML-Format.

LibreOffice-Organisation attackiert Euro-Office: Streit um digitale Souveränität
Euro-Office-Streit - Digital rendering of data flow between European digital icons and a glowing document, symbolizing open-source software and digital sovereignty. 09.06.2026 - Bild: ĂĽber boerse-global.de

Der Streit um die digitale Souveränität Europas eskaliert. Die Document Foundation (TDF) wirft dem neuen Euro-Office-Projekt Irreführung vor.

Nur einen Tag nach dem offiziellen Launch von Euro-Office 1.0 am heutigen Dienstag schlägt die LibreOffice-Organisation scharf zurück. In einem offenen Brief vom 8. Juni 2026 bestreitet TDF die Behauptung, Euro-Office sei die erste europäische Open-Source-Bürosuite – und attackiert die technische Ausrichtung des Projekts.

Historische Verdienste ignoriert

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Der Vorwurf wiegt schwer: Die Document Foundation sieht die Geschichte des europäischen Open-Source-Engagements verfälscht. Bereits 2001 entstand mit OpenOffice.org eine der ersten quelloffenen Bürosuiten – ein europäisches Projekt. LibreOffice folgte 2010 als direkter Nachfolger.

„Die Darstellung, Euro-Office sei ein Pionier, ignoriert jahrzehntelange europäische Entwicklungsarbeit“, heißt es aus der Foundation. Solche Behauptungen verzerrten die tatsächliche Landschaft digitaler Werkzeuge aus der EU.

Abhängigkeit statt Unabhängigkeit

Der eigentliche Zankapfel ist jedoch technischer Natur. Euro-Office setzt standardmäßig auf Microsofts OOXML-Format – ein Schritt, den TDF als fatale Fehlentscheidung wertet. „Damit wird das Projekt zum De-facto-Verbündeten von Microsoft, nicht zu einer echten Alternative“, kritisiert die Foundation.

Stattdessen plädiert TDF für das offene OpenDocument-Format (ODF). Die Priorisierung von OOXML bezeichnet die Organisation als Lock-in-Strategie, die digitale Souveränität untergrabe. In dem offenen Brief ist gar von einer „Freeware-Kopie von Microsoft Office“ die Rede. Wahre Unabhängigkeit bedeute, sich von proprietären Formaten zu lösen, die an nicht-europäische Software-Ökosysteme binden.

Hintergrund und UnterstĂĽtzer

Euro-Office 1.0 ist ein Fork von ONLYOFFICE, die Abspaltung erfolgte im März 2026. Das Projekt wird von einem breiten Konsortium europäischer Tech-Unternehmen getragen – darunter Nextcloud, IONOS, Eurostack, XWiki, OpenProject, Soverin, Abilian, BTactic und Proton.

Das erklärte Ziel: eine DSGVO-konforme europäische Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace. Die Befürworter betonen den Fokus auf europäische Infrastruktur, um Datenschutz und regionale Compliance zu gewährleisten.

Zweifel an der Code-Herkunft

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Doch die europäische Identität des Projekts steht auch technisch infrage. Eine Analyse von Cybernews vor dem Launch ergab: Rund 98,6 Prozent der Dokumenten-Engine und 99,2 Prozent der Live-Service-Komponenten stammen von Entwicklern in russischen Zeitzonen.

Seit dem Fork im März 2026 habe Euro-Office vor allem Änderungen der ursprünglichen ONLYOFFICE-Entwickler übernommen. Der europäische Beitrag am Code liegt demnach bei gerade einmal 0,5 Prozent.

ONLYOFFICE wird von der lettischen Firma Ascensio System betrieben. Das Unternehmen bestreitet Vorwürfe russischer Kontrolle – hat aber eigenen Angaben zufolge seinerseits Einwände gegen den Euro-Office-Launch erhoben, darunter der Vorwurf von Lizenzverstößen durch das neue Konsortium.

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