Euro-Office-Streit, Code

Euro-Office-Streit: 98,6% Code stammt aus Russland

13.06.2026 - 01:14:21 | boerse-global.de

Die neue EU-BĂĽrosoftware steht wegen Microsoft-Formaten und russischer Code-Anteile in der Kritik. Ein BĂĽndnis plant Verbesserungen.

Euro-Office 1.0: Kritik an Formatwahl und Code-Herkunft
Euro-Office-Streit - Digital documents and data streams, symbolizing open-source software and digital independence, with a subtle European map. 13.06.2026 - Bild: ĂĽber boerse-global.de

0 am 9. Juni 2026 sollte ein Meilenstein für Europas digitale Souveränität werden – doch stattdessen entzweit die Suite die Open-Source-Community. Die als Antwort auf Microsoft 365 entwickelte Bürosoftware steht bereits massiv in der Kritik. Der Vorwurf: Statt echter Unabhängigkeit setzt das Projekt auf die falschen Standards.

Streit um Dateiformate und Abhängigkeiten

Der zentrale Konflikt entzündet sich an einer grundlegenden Entscheidung: Euro-Office verwendet Microsofts Office Open XML (OOXML) als Standardformat – und nicht das offene Open Document Format (ODF). Einen Tag vor dem offiziellen Launch veröffentlichte The Document Foundation einen offenen Brief und warnte vor einer neuen Abhängigkeit von proprietären Systemen.

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Italo Vignoli, Sprecher der Stiftung, bezeichnete die neue Suite als „de facto Verbündeten“ bei der Sicherung von Microsofts Marktdominanz. Wahre digitale Souveränität erfordere vollständig offene Standards wie ODF, um langfristig die Kontrolle über eigene Dokumente zu behalten.

Die Entwickler von Nextcloud, Teil des Euro-Office-Bündnisses, verteidigen die Strategie als pragmatischen Kompromiss. Die Kompatibilität mit Microsoft-Formaten sei notwendig, um Organisationen den Umstieg von US-Cloud-Diensten zu erleichtern. Allerdings kündigten sie an, die ODF-Unterstützung schrittweise zu verbessern – mit dem Ziel, es langfristig zum Standardformat zu machen.

Technische Herkunft unter der Lupe

Doch nicht nur die Formatfrage sorgt für Diskussionen. Auch die technische Basis von Euro-Office steht im Fokus. Die Suite wurde im März 2026 von OnlyOffice Version 9.3.1 abgespalten – ein Fork, der laut einer Analyse von Cybernews vom 11. Juni 2026 noch tief in seinen Ursprüngen verwurzelt ist.

Die Untersuchung ergab: 98,6 Prozent der Dokumenten-Engine und 99,2 Prozent der Live-Dienst-Komponenten stammen von Entwicklern aus russischen Zeitzonen. Nur rund 0,5 Prozent der Beiträge lassen sich auf europäische Entwickler zurückführen. Die Macher von Euro-Office bezeichnen den Fork als notwendigen Schritt für Europas digitale Autonomie und versprechen einen systematischen „Code-Cleaning“-Prozess, um den europäischen Anteil deutlich zu erhöhen.

Integration in die europäische Cloud-Welt

Euro-Office 1.0 ist eine reine Browser-Lösung, entwickelt von einem Bündnis europäischer Technologieunternehmen – darunter Nextcloud, IONOS, Proton, Open-Xchange und weitere. Am 10. Juni 2026 veröffentlichte Nextcloud sein Hub 26 Spring Update, das Euro-Office produktionsreif integriert, neben bestehenden Optionen wie Collabora Online.

Die Suite bietet webbasierte Editoren für Dokumente, Tabellen und Präsentationen sowie einen PDF-Editor. IONOS kündigte an, die Lösung im Laufe des Sommers in seine Managed Services einzubinden. Erste institutionelle Adoption zeichnet sich ab: Die Stadt München plant, bis 2027 rund 5.000 Mitarbeiter auf Open-Source-Lösungen umzustellen – unterstützt durch mehrere Millionen Euro Förderung.

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Marktlage und Ausblick

Der Vorstoß für eine europäische Alternative kommt zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt. Der Support für Microsoft Office Online Server endet am 31. Dezember 2026. Organisationen, die weiterhin ähnliche Funktionalitäten nutzen wollen, müssten ihre Dokumente in die globale Microsoft-Cloud verlagern – ein Schritt, den viele europäische Einrichtungen aus Datenschutzgründen scheuen.

Das Euro-Office-BĂĽndnis hat einen mehrstufigen Fahrplan vorgelegt. Kurzfristig stehen die Stabilisierung des Server-Pakets und die bessere Integration mit Plattformen wie OpenProject im Fokus. Mittelfristig sind dedizierte Desktop-Anwendungen fĂĽr Windows, Mac und Linux geplant. Langfristig sollen mobile Apps fĂĽr Android und iOS folgen. Nextcloud hat eigenen Angaben zufolge sein Entwicklungsteam verdoppelt, IONOS baut seine Infrastruktur aus, um das erwartete Wachstum zu stemmen.

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