EZB-Strategie: Lagarde fordert 600 Mrd. Euro für europäische KI
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 17:35 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Wien hat die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, eine neue Strategie für künstliche Intelligenz (KI) vorgestellt und eine beschleunigte Integration der Technologie in Europa gefordert.
Lagarde mahnte eine konsequente Abkehr von Technologieimporten an und verwies auf eine signifikante Lücke im Vergleich zu den USA, sowohl bei den getätigten KI-Investitionen als auch bei der effektiven Arbeitszeit mit KI-Unterstützung.
Digitale Souveränität und infrastrukturelle Defizite
Lagarde benannte im Rahmen ihrer Präsentation drei zentrale Verwundbarkeiten für die digitale Souveränität des Kontinents: die Kontrolle über Daten, den autonomen Zugang zu KI-Systemen sowie die Verfügbarkeit der leistungsfähigsten Modelle.
Ein wesentlicher Faktor sei dabei der Ausbau der europäischen Rechenzentrumskapazitäten. Laut der EZB-Präsidentin drohe die bestehende Lücke in diesem Bereich innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als das Sechsfache anzuwachsen. Konkret warnte sie vor einem Defizit von 19 Gigawatt bei EU-Rechenzentren bis zum Jahr 2036.
Den finanziellen Bedarf, um bei Infrastrukturen wie Rechenzentren und Halbleitern den Anschluss zu wahren, bezifferte Lagarde auf bis zu 600 Milliarden Euro. Sie betonte zudem das wirtschaftliche Potenzial einer schnelleren KI-Adaption: Das Produktivitätswachstum könne über ein Jahrzehnt hinweg um bis zu 4 Prozent steigen.
Kapitalflucht und Marktfragmentierung behindern Fortschritt
Ein Hindernis für die technologische Entwicklung sei die aktuelle Kapitalallokation im Euroraum. Demnach halten Haushalte in der Eurozone rund 440 Milliarden Euro an US-Technologiekonzernen. Jährlich fließen nach Angaben Lagardes etwa 1,4 Billionen Euro europäische Ersparnisse in das Ausland ab.
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Bei einer Veranstaltung des Weltwirtschaftsforums mahnte sie zudem an, dass Europa die zweite digitale Revolution nicht verpassen dürfe. Die Fragmentierung des EU-Marktes behindere derzeit die Skalierung von Unternehmen und die notwendige Kapitalbeschaffung.
Nationale und europäische Initiativen
Auch auf nationaler Ebene verstärken sich die Bemühungen. Die österreichische Regierung plant für Anfang November 2026 die Vorstellung einer neuen Strategie unter dem Titel „AI Mission Austria 2030“. Eine Studie im Auftrag von Microsoft Österreich kommt zu dem Ergebnis, dass KI die Bruttowertschöpfung im Land um bis zu 18 Prozent steigern könnte, was einem Wert von rund 72 Milliarden Euro entspräche.
Auf EU-Ebene kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Einsatz von KI in Schlüsselbereichen wie der Fertigung, dem Gesundheitswesen und der Verteidigung an. Für den November 2026 stellte sie wegweisende Initiativen in Aussicht.
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Flankiert werden diese Pläne durch das Programm „TechEU“ der EIB-Gruppe, das unter dem Vorsitz der ehemaligen EU-Kommissarin Viviane Reding strategische Investitionen in KI und Quantencomputing fördern soll. Hierfür sind Zusagen in Höhe von 70 Milliarden Euro für den Zeitraum 2025 bis 2027 vorgesehen, mit dem Ziel, insgesamt 250 Milliarden Euro zu mobilisieren.
Investitionstrends und Marktausblick
Trotz der Herausforderungen verzeichnen Branchenanalysten von McKinsey und Boardwave positive Signale bei spezialisierten Anbietern. Im ersten Halbjahr 2026 erreichten die Investitionen in vertikale KI-Startups in Europa 68 Millionen Euro und lagen damit erstmals über dem Niveau entsprechender US-Unternehmen.
Dennoch bleibt das Gesamtvolumen der industriellen KI-Investitionen in Europa mit 6,8 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2026 deutlich hinter den USA zurück.
Langfristig prognostizieren Marktforscher von IDC ein massives Wachstum. Die europäischen KI-Ausgaben könnten bis 2030 fast 470 Milliarden US-Dollar erreichen. Während Software das größte Segment bleibt, wird erwartet, dass der Bereich Gesundheitswesen mit der höchsten jährlichen Wachstumsrate expandiert.
Parallel dazu investieren private Akteure wie Google massiv in den Standort Europa; der Konzern kündigte Investitionen in Höhe von 13 Milliarden Euro für Infrastrukturprojekte in Finnland an.
