Fachkräfte-Mangel: 54 Prozent der Spitzenverdiener bewerben sich im Ausland
Veröffentlicht am: 20.07.2026 um 19:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Während Unternehmen händeringend Fachkräfte suchen, wächst die Unzufriedenheit in vielen Beschäftigungsgruppen – und die Bereitschaft, sich beruflich neu zu orientieren.
Immer mehr Führungskräfte ohne Job
Die Zahl der arbeitslosen Führungskräfte ist innerhalb eines Jahres um 14 Prozent gestiegen. Das belegen aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes. Betroffene Manager leiden oft unter emotionalem Druck, lange Suchprozesse und deutliche Gehaltseinbußen inklusive.
Viele Spitzenverdiener zieht es ins Ausland. Laut einer Indeed-Umfrage haben 54 Prozent der Beschäftigten mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 6.000 Euro bereits eine Bewerbung im Ausland eingereicht. Die Hauptgründe: höheres Einkommen und bessere Lebensqualität – jeweils von 51 Prozent der Befragten genannt. Die Zahlen untermauern den Trend: 2025 wanderten netto 97.000 deutsche Staatsbürger mehr aus als zurück. Beliebteste Ziele: USA, Großbritannien und die Schweiz.
Bildungslücke wird zum Problem
Die Qualifizierung von Arbeitskräften bleibt eine enorme Herausforderung. Eine Bertelsmann-Studie zeigt: Die Zahl der Beschäftigten ohne Berufsabschluss zwischen 25 und 64 Jahren stieg von 3,76 Millionen (2017) auf 4,57 Millionen (2025). Die Arbeitslosenquote unter Ungelernten lag 2025 bei über 20 Prozent – bei Qualifizierten nur bei 3,5 Prozent. Kein Wunder, dass jedes dritte Unternehmen laut DIHK offene Stellen nicht besetzen kann.
Doch woran liegt das? Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage klafft immer weiter auseinander. Hinzu kommt: Viele Arbeitslose passen nicht mehr ins Anforderungsprofil der Unternehmen.
Gesundheitssektor unter Druck
Im Gesundheitswesen sorgt das am 10. Juli beschlossene Beitragssatzstabilisierungsgesetz für Unruhe. Es sieht Einsparungen von 19 Milliarden Euro vor. Die Folge: Tariflohnsteigerungen in der Pflege lassen sich nicht mehr vollständig refinanzieren. Die Berliner Charité kündigte bereits einen Entlastungstarifvertrag zum Jahresende auf – das Pflegepersonal protestiert.
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KI verändert die Arbeitswelt massiv
Künstliche Intelligenz revolutioniert Anforderungsprofile in rasantem Tempo. Experten wie Jonas Diezun von Beam AI beobachten einen Trend zu autonomen KI-Agenten-Teams. Sie übernehmen Aufgaben in Buchhaltung, Personalwesen und Dokumentenverarbeitung. Klassische Büro- und Verwaltungsrollen verschwinden zusehends.
Ein Beispiel zeigt die Härte des Wandels: Eine 52-jährige PR-Expertin sucht seit Ende 2025 vergeblich nach einer neuen Stelle – trotz 25 Jahren Berufserfahrung. Neben dem Alter werden der technologische Wandel und automatisierte Bewerbungsprozesse als Hürden genannt. Viele Betroffene versuchen daher, mit spezialisierten KI-Kursen den Anschluss zu halten.
Die Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen startete im Juni eine Initiative zur KI-gestützten Unternehmenssteuerung. Auch in der Forschung gewinnt das Thema rasant an Bedeutung.
Handwerk als sichere Bank?
Trotz Digitalisierung boomen hochspezialisierte Handwerksberufe. Das „Netzwerk Kleinstberufe“ – ein Zusammenschluss von 25 seltenen Berufen wie Küfern oder Orgelbauern – positioniert sich bewusst als KI-resistent und zukunftssicher.
Auch das Lernverhalten ändert sich. Laut einer Mastercard-Studie planen 48 Prozent der Europäer für 2026 einen „Skilliday“ – Urlaub kombiniert mit dem Erwerb neuer Fähigkeiten. Besonders die Generation Z setzt auf solche Lernreisen, etwa in Gastronomie oder lokaler Produktion.
Für spezialisierte Fachkräfte im Gesundheitswesen entstehen neue akademische Wege. Im Mai 2027 startet an der Höheren Fachschule Medizintechnik Sarnen ein Studiengang für Prozessmanagement im Gesundheitswesen – entwickelt mit Partnern aus Industrie und Pflegesektor.
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Praktika: Unbezahlt und ungerecht
Die Situation für Berufseinsteiger bleibt prekär. Die AK Wien wertete die Studierenden-Sozialerhebung 2025 aus: Rund die Hälfte aller Studierenden absolviert Praktika – doch viele bleiben unbezahlt. Besonders krass: In der Medizin sind 77 Prozent der Pflichtpraktika unbezahlt, im Lehramt 73 Prozent.
Und es gibt einen geschlechtsspezifischen Unterschied: 63 Prozent der männlichen Studenten erhielten Geld für ihre Praktika, aber nur 42 Prozent der Studentinnen.
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