FASD, Fachleute

FASD bei Kindern: Über 90 Prozent leben nicht bei ihren leiblichen Eltern

Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 03:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute empfehlen mehr Wissen, individuelle Unterstützung und reizärmere Lernorte, um Kinder mit neurologischen Besonderheiten besser zu begleiten.
Ein ruhiger, reizarmer Klassenraum mit hellem Holzmobiliar und natürlichem Lichteinfall in einer Bildungseinrichtung. Illustration mit AI erstellt.

Neurologische Entwicklungsbesonderheiten bei Kindern rücken zunehmend in den Fokus von Medizin und Pädagogik. Bei Diagnosen wie der Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD), Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oder dem Autismus-Spektrum stehen Betroffene und ihre Familien vor vielschichtigen Anforderungen.

Fachleute weisen darauf hin, dass die individuellen Profile dieser Kinder spezifische Rahmenbedingungen im Bildungssystem und im Alltag verlangen, um Überlastungen zu vermeiden und vorhandene Potenziale zu fördern.

Belastungen durch FASD und familiäre Situation

Wie die Medizinerin und Psychotherapeutin Dr. Heike Hoff-Emden in einem Fachgespräch ausführte, sind über 90 Prozent der Kinder mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung bei Pflege- oder Adoptiveltern sowie in Kinder-Wohnprojekten untergebracht. Ursache für FASD ist der Alkoholkonsum der Kindesmutter während der Schwangerschaft.

Hoff-Emden erläuterte, dass Kinder mit FASD häufig über besondere Inselbegabungen verfügen. Zugleich zeichneten sich Kinder mit ADHS oft durch Furchtlosigkeit aus, während ihre Intelligenz im Bereich von gut bis sehr gut liege.

Angesichts der spezifischen Bedürfnisse sprach sich die Medizinerin für strukturelle Veränderungen aus: Notwendig seien eine fundierte Aufklärung über ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und FASD in den Ausbildungs- und Studienplänen für pädagogische Berufe sowie ein Ausbau von Schulbegleitungen, Nachteilsausgleichen und reizarmen Einzelräumen.

Hürden beim Übergang und Defizite an Regelschulen

Die schulische Realität stellt Fördereinrichtungen vor wiederkehrende Herausforderungen. Dietmar Boettcher, Schulleiter eines Förderzentrums mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, berichtete, dass Schulwechsel an Fördereinrichtungen vor allem nach einem halben bis dreiviertel Jahr in der Regel-Grundschule sowie beim Übergang in die Oberschule erfolgen. In vielen Fällen blieben Beeinträchtigungen in den ersten zwei bis drei Schulbesuchsjahren unentdeckt und undiagnostiziert.

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Boettcher kritisierte das Fehlen durchgängiger inklusiver Konzepte an den Regelschulen, eine kurzfristige jährliche Planung sowie den Mangel an therapiebezogenen Angeboten. Er forderte mehr zeitlichen und organisatorischen Freiraum für die gezielte Schulentwicklung sowie eine verstärkte Information und Beratung von Eltern.

Reizüberflutung und Abgrenzung von Diagnosen

Die Reizverarbeitung im Schulalltag betrifft nicht nur diagnostizierte Entwicklungsstörungen. Familiencoach Kathrin Borghoff betonte in diesem Kontext, dass Hochsensibilität keine Erkrankung oder psychische Störung darstelle, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal mit neurophysiologischer und psychologischer Ausprägung sei. Hochsensible Personen nähmen Reize aufgrund ihrer Veranlagung intensiver wahr und verarbeiteten diese möglicherweise anders.

Typische Situationen im Schulbetrieb, wie Lärm während der Pausen, Gerüche im Klassenraum oder rasche Anweisungen des Lehrpersonals, könnten feinfühlige Kinder schnell überfordern. Borghoff wies darauf hin, dass in solchen Fällen teilweise fälschlicherweise Diagnosen wie ADHS oder Autismus vermutet würden.

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Auch Dr. Joe Greisser, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, thematisierte im Rahmen eines Beitrags die Notwendigkeit neurologischer Vielfalt und Selbstakzeptanz. Neurologische Unterschiede seien nicht nur mit Schwierigkeiten verbunden, sondern brächten spezifische Stärken mit sich.

Gleichzeitig spiele der Einfluss gesellschaftlicher Erwartungen auf den Selbstwert und die mentale Gesundheit junger Menschen eine maßgebliche Rolle. Experten mahnen daher an, Schulumgebungen so anzupassen, dass Reizüberlastungen reduziert und Fehldeutungen von Verhaltensweisen vermieden werden.

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