Fibromyalgie: Diagnose kann bis zu 16 Jahre dauern – worauf es ankommt
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 19:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deImmer mehr Patienten mit chronischen Schmerzsyndromen geraten im deutschen Gesundheitssystem in eine Spirale aus Unsicherheit und Mehrfachkonsultationen. Augsburger Mediziner beobachten diese Entwicklung mit Sorge.
Ein typischer Fall verdeutlicht das Problem: Ein älterer Mann mit quälenden Rückenschmerzen suchte nacheinander seinen Hausarzt, die Hessing-Klinik sowie die Notaufnahme der Uniklinik auf, bevor er in einer Bereitschaftspraxis bei dem Gögginger Internisten Marcus Hurler vorstellig wurde. Alle vier behandelnden Ärzte stuften die Beschwerden als ungefährlich ein und sahen lediglich Möglichkeiten zur Linderung.
Hurler, der neben seiner Tätigkeit in Augsburg und dem Umland auch als Notarzt im Einsatz ist, erlebt solche Situationen wiederholt. Er beschreibt die Verfassung der Hilfesuchenden als extreme Verunsicherung. Nach Einschätzung von Augsburger Ärzten suchen immer mehr Menschen medizinische Hilfe auf, obwohl dies fachlich nicht zwingend notwendig wäre, was die bestehenden Versorgungsstrukturen zusätzlich unter Druck setzt.
Psychosomatische Faktoren in der Schmerztherapie
Dass physische und psychische Komponenten bei Schmerzen am Bewegungssystem nicht getrennt werden können, war auch Gegenstand einer Fachsitzung am 20. Oktober 2026 im CityCube Berlin. Der Experte Holtschmit stellte dort relevante Warnsignale vor, zu denen berufsbezogener Stress, Depressivität, Katastrophisieren sowie Schon- und Vermeidungsverhalten gehören.
In den Behandlungspfaden der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akut-Kliniken (ANOA) ist Psychotherapie ein fester Baustein. Dies betrifft die multimodale Komplexbehandlung (OPS 8-977) sowie die multimodale Schmerztherapie (OPS 8-918), bei der eine Beteiligung aus der Psychiatrie, Psychosomatik oder Psychotherapie verbindlich vorgegeben ist.
Der Referent Köllner verwies darauf, dass Verhaltenstherapie laut medizinischen Leitlinien zu den wirksamsten Ansätzen bei chronischem Kreuzschmerz zählt. Als Fazit der Berliner Fachtagung formulierten die Experten die Forderung, psychosomatische Inhalte verbindlich in der Weiterbildungsordnung für Orthopädie und Unfallchirurgie zu verankern und im Gegenzug somatische Grundlagen in der psychotherapeutischen Ausbildung zu stärken.
Grenzen von Schmerzmitteln und Chronifizierungsrisiken
Dass Schmerz als biologisches Signal zu verstehen ist, betont auch die Schmerzpsychologin Ulrike Kaiser vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Formulierungen wie das vollständige Beseitigen von Schmerz griffen zu kurz, da das Geschehen stets biopsychosozial geprägt sei.
Wenn eine Heilung nicht erreichbar ist, stehe die Akzeptanz und eine Balance aus Entspannung und Aktivität im Vordergrund. Gemeinsam mit Fachkollegen des UniversitätsSchmerzCentrums Dresden weist Kaiser darauf hin, dass frei verkäufliche Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol meist nur kurzfristige Effekte bieten; eine tägliche Einnahme zur reinen Aufrechterhaltung der Funktion sei problematisch.
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Halten Beschwerden mindestens sechs Monate an, summieren sich oft Stress, familiäre Belastungen und Begleitsymptome wie Herzrasen oder Verdauungsprobleme.
Grundsätzlich gilt eine Schmerzsymptomatik ab einer Dauer von mehr als drei Monaten als chronisch. Etwa ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland berichtet über derartige Beschwerden, wobei die Häufigkeit im höheren Alter steigt. Angeführt wird die Statistik von Rücken- und Gelenkschmerzen, gefolgt von Kopf- und Nervenschmerzen.
Permanente Reizungen über mehrere Wochen können das Nervensystem verändern und zu einer zentralen Sensibilisierung führen. Eine strukturierte Abklärung wird empfohlen, wenn Schmerzen nach einer Woche unverändert bleiben oder drei bis vier Wochen anhalten.
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Diagnosewege bei komplexen Krankheitsbildern
Im Praxisalltag drohen Verzögerungen auch durch Fehleinschätzungen. Betroffene berichten wiederholt davon, dass ihre Schilderungen zunächst angezweifelt oder rein psychischen Ursachen zugeschrieben wurden. So wurde der schwere Schwindel einer Patientin zunächst für eine Panikattacke gehalten, bis neurologisch eine Kristallstörung festgestellt wurde.
In einem anderen Fall wurden RĂĽckenschmerzen seit dem Jahr 2020 als psychosomatisch eingestuft, ehe 2026 ein Iliosakralgelenk-Syndrom diagnostiziert und mit Kortikosteroid-Infiltrationen sowie Physiotherapie behandelt wurde.
Ähnlich langwierig gestalten sich die Abklärungen bei spezifischen Schmerzsyndromen. Die Gynäkologin Nadja Pauli verweist auf Erhebungen, nach denen bei Krankheitsbildern wie Endometriose oder Lichen sclerosus teils bis zu vier Facharztbesuche vergehen, bis Klarheit herrscht.
Bei der Fibromyalgie, an der in Deutschland 2 bis 6 Prozent der Bevölkerung leiden – mehrheitlich Frauen –, kann die Diagnosefindung bis zu 16 Jahre in Anspruch nehmen.
Die Polymyalgia rheumatica betrifft wiederum fast ausschließlich Personen ab dem 50. Lebensjahr, gehäuft zwischen 70 und 80 Jahren, wobei Frauen dreimal so oft erkranken wie Männer. Typisch sind hier Schmerzen und Steifheit im Bereich von Schulter- und Beckengürtel, häufig begleitet von Erschöpfung oder Gewichtsverlust.
