Flagellin, Darm

Flagellin im Darm: Warum manche nach mRNA-Impfungen stärker fiebern

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 19:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Studie verknüpft begeißelte Darmbakterien mit stärkeren Fieberreaktionen, ohne einen Einfluss auf die Antikörperbildung festzustellen.
Mikroskopische Nahaufnahme einer Petrischale mit Bakterienkulturen in einem medizinischen Labor. Illustration mit AI erstellt.

Warum manche Menschen nach einer Impfung mit Fieber reagieren und andere kaum Symptome verspüren, ist Gegenstand intensiver immunologischer Forschung. Eine im Fachjournal Science im Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung liefert nun neue Einblicke: Demnach steht die bakterielle Zusammensetzung des Darms in direktem Zusammenhang mit der Stärke der körperlichen Reaktion auf mRNA-Vakzine.

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Ruth Ley vom Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen konnte zeigen, dass Personen mit einem mikrobiell geprägten Darmmilieu, das reich an sogenannten begeißelten Bakterien ist, eine erhöhte Neigung zu Fieber nach einer Immunisierung aufweisen.

Begeißelte Bakterien und Entzündungsbereitschaft

Grundlage der Untersuchung bildete die sogenannte µHEAT-Studie. Im Rahmen dieser Kohorte wurden 171 gesunde junge Erwachsene begleitet, die in den Jahren 2021 und 2022 eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 erhalten hatten.

Bei der Analyse der Stuhlproben stellte das Team um Erstautorin Kelsey E. Huus sowie Hirohito Abo und Benoit Chassaing fest, dass jene Probanden, die später Fieber entwickelten, bereits vor der Impfung eine leichte chronische Entzündungsaktivität im Darm aufwiesen.

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Charakteristisch für diese Gruppe war ein hoher Anteil an beweglichen Bakterien aus der Familie der Lachnospiraceae. Bei Personen mit starkem Fieber zeigte sich vor der Verabreichung des Impfstoffs eine erhöhte Aktivität bakterieller Motilitätsgene, insbesondere jener für Flagellen. Das bakterielle Protein Flagellin aktiviert das angeborene Immunsystem und versetzt den Organismus offenbar in eine gesteigerte Reaktionsbereitschaft.

Um den ursächlichen Zusammenhang zu überprüfen, übertrugen die Forschenden das Mikrobiom der Probanden auf keimfreie Mäuse. Tiere, die den Darmflora-Mix von Menschen mit starken Fiebersymptomen erhielten, entwickelten nach einer Impfung ebenfalls eine verstärkte Entzündungsreaktion.

Dieser Effekt erwies sich als unmittelbar abhängig von der Erkennung des Flagellins durch das Immunsystem. Auf die Schutzwirkung des Impfstoffs hatte dies jedoch keinen nachteiligen Einfluss: Die Antikörperproduktion verlief unbeeinflusst von der Ausprägung der Fieberreaktion.

Einfluss von Ernährungsmustern

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Neben den mikrobiologischen Parametern untersuchte die Forschungsgruppe auch Zusammenhänge mit den Ernährungsgewohnheiten. Teilnehmer, die sich vorwiegend pflanzlich ernährten, wiesen tendenziell die niedrigsten Flagellinspiegel auf und verzeichneten schwächere Fieberreaktionen nach der Impfung.

Im Tiermodell verstärkte hingegen eine fettreiche westliche Ernährungsweise die Reaktionen nach einer Vakzinierung. Zudem führten bestimmte Lebensmittelzusätze in Laborexperimenten (in vitro) zu einer gesteigerten Flagellinproduktion durch Darmbakterien.

Trotz dieser Beobachtungen betont das Autorenteam, dass sich aus den Daten derzeit keine Evidenz für konkrete Diätempfehlungen im Vorfeld einer Impfung ableiten lasse.

Perspektiven für die Mikrobiom-Forschung

An der Forschungsarbeit waren neben dem Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen und dem dortigen Institut für Tropenmedizin auch die Georgia State University, das Institut Pasteur, das Inserm, die University of Manitoba sowie die UC San Diego beteiligt.

Die Wissenschaftler sehen in den Ergebnissen einen vielversprechenden Ansatzpunkt: Künftige Strategien zur gezielten Beeinflussung des Mikrobioms könnten den Immunstatus modulieren und helfen, starke Impfreaktionen und Nebenwirkungen abzumildern. Zudem deuten die Befunde darauf hin, dass die Mikrobiom-Immun-Achse auch bei anderen Entzündungsprozessen abseits von Impfungen eine bedeutsame Rolle spielen könnte.

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