Freies Spiel: Kleinkinder beschÀftigen sich mit 4 Spielzeugen doppelt so lang
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 21:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die US-amerikanische AugenÀrztin Rupa Wong setzt bei der Erziehung ihrer Kinder auf Prinzipien, die sich an den Gepflogenheiten der 1980er-Jahre orientieren. Zu den festen Regeln in ihrem Alltag gehören mindestens eine Stunde Aufenthalt im Freien pro Tag, der konsequente Verzicht auf Tablets bei den Mahlzeiten sowie bildschirmfreie Schlafzimmer.
ErgĂ€nzt wird dieses Modell durch eine Abschaltung des heimischen WLAN-Netzes um 21 Uhr und die bewusste Akzeptanz von Phasen der Langeweile. Dieser Ansatz rĂŒckt eine zentrale Fragestellung der Entwicklungsforschung in den Fokus: Wie wirken sich ReizĂŒberflutung und digitale Medien auf das Aufwachsen von Kindern aus?
Kognitive Effekte von Reizreduktion und freiem Spiel
Die Bedeutung einer reizĂ€rmeren Umgebung fĂŒr die KonzentrationsfĂ€higkeit wird durch empirische Untersuchungen gestĂŒtzt. In einer im Jahr 2017 durchgefĂŒhrten Studie der Ergotherapeutin Alexia Metz von der University of Toledo wurde das freie Spiel von 36 Kleinkindern im Alter von 18 bis 30 Monaten analysiert. Dabei zeigte sich, dass sich jene Gruppe, die Zugriff auf lediglich 4 Spielzeuge hatte, mit jedem einzelnen Spielzeug doppelt so lange beschĂ€ftigte wie die Vergleichsgruppe mit 16 Spielzeugen.
Eine anhaltende Aufmerksamkeit gilt in der Wissenschaft als ein frĂŒher Indikator fĂŒr das spĂ€tere Konzentrationsvermögen, die Sprachentwicklung und die ProblemlösungsfĂ€higkeit.
Diesen Zusammenhang betont auch Paula Bleckmann, Professorin fĂŒr MedienpĂ€dagogik an der Alanus Hochschule. Langeweile erfĂŒlle eine wichtige Funktion, da sie sowohl KreativitĂ€t als auch Selbstregulation anrege. Umgekehrt könne eine problematische Nutzung von BildschirmgerĂ€ten erhebliche physische und kognitive Folgen haben; dazu zĂ€hlen Ăbergewicht, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme sowie Verzögerungen beim Spracherwerb.
Reifungsprozesse des Gehirns und Risiken sozialer Medien
Aus neurowissenschaftlicher Sicht birgt ein frĂŒher oder intensiver Medienkonsum besondere Risiken. Die Neurowissenschaftlerin Laura WĂŒnsch verweist auf die Auswirkungen stĂ€ndiger digitaler Reize und schneller Belohnungen, die das Entstehen von Langeweile verhindern.
Eine kleine Studie mit Kleinkindern zwischen 18 und 30 Monaten zeigt: Hatten die Kinder nur 4 Spielzeuge zur VerfĂŒgung, beschĂ€ftigten sie sich mit jedem einzelnen doppelt so lange wie eine Gruppe mit 16 Spielzeugen. Anhaltende Aufmerksamkeit gilt als frĂŒher Hinweis auf spĂ€tere KonzentrationsfĂ€higkeit und Sprachentwicklung. Wie Sie daraus einen ruhigeren Familienalltag machen, zeigt unser kostenloser Ratgeber. Kostenlosen Eltern-Ratgeber anfordern
Wer kontinuierlich auf Bildschirme blicke, entwickle wichtige soziale FĂ€higkeiten weniger stabil. Kinder und Jugendliche seien hierbei besonders vulnerabel, da das Gehirn erst im Alter von rund 25 Jahren weitgehend ausgereift sei.
Vor diesem Hintergrund fordern auch kommunale Initiativen ein Umdenken. In den Schweizer Gemeinden Flawil SG und Degersheim SG appelliert das von Fachpersonen der frĂŒhkindlichen Bildung sowie mehreren ZĂŒrcher Schulen und Gemeinden lancierte Projekt «Go Offline» an Eltern, in den ersten vier Lebensjahren ganz auf digitale Medien zu verzichten.
Anlass sind Beobachtungen im Kindergartenbetrieb, wonach Kinder zunehmend Förderbedarf aufweisen, namentlich bei der Sprachentwicklung, welche durch eine hohe Bildschirmzeit negativ beeinflusst werden könne.
Debatte um gesetzliche Vorgaben und FrĂŒhförderung
Auf gesundheitspolitischer Ebene fordern Experten verbindliche Leitplanken. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen drĂ€ngt auf gesetzliche VerschĂ€rfungen beim Kinder- und Jugendschutz im Netz und beruft sich dabei auf 56 Handlungsempfehlungen der Expertenkommission âKinder- und Jugendschutz in der digitalen Weltâ.
Zu den Kernforderungen zĂ€hlen sichere Voreinstellungen (âPrivacy by Defaultâ), die BeschrĂ€nkung manipulativer Mechanismen, datensparsame AltersprĂŒfungen sowie Vorgaben fĂŒr KI-Angebote. Diese 56 Empfehlungen werden unter anderem von der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) sowie zwei weiteren VerbĂ€nden mitgetragen; die Arbeitsgemeinschaft fĂŒr Kinder- und Jugendhilfe plĂ€diert fĂŒr eine Umsetzung als Gesamtpaket.
StĂ€ndige Bildschirmreize und schnelle Belohnungen lassen kaum noch Langeweile entstehen â und genau die regt laut Fachleuten KreativitĂ€t und Selbstregulation an. Wenn Ihr Kind unruhig wirkt und schwer bei einer Sache bleibt, lohnt der Blick auf die tĂ€glichen Routinen. Unser Ratgeber bĂŒndelt konkrete Schritte fĂŒr bildschirmfreie Zeiten. Bildschirmfreie Routinen jetzt ansehen
Der PrĂ€sident des Berufsverbandes der Kinder- und JugendĂ€rzt*innen, Dr. Michael Hubmann, fordert ein klares mediales Moratorium bis zum vollendeten dritten Lebensjahr sowie verbindliche Beratungen zu Medienkompetenz bei den FrĂŒherkennungsuntersuchungen. WĂ€hrend der Verbraucherzentrale Bundesverband sichere Voreinstellungen befĂŒrwortet, steht er starren Altersgrenzen kritisch gegenĂŒber.
ErgĂ€nzend zu BeschrĂ€nkungen der Technik verweisen Fachleute auf die analoge Beziehungswelt: Die Therapeutin Brigitte Scheidt hebt hervor, dass Eltern die wichtigste Instanz fĂŒr den kindlichen Selbstwert darstellen und Kernkompetenzen wie KonfliktfĂ€higkeit, Durchsetzungsvermögen und Resilienz vor allem im direkten zwischenmenschlichen Miteinander der Kindheit verankert werden.
