Frühe Traumata: 76,3 Prozent mit vier Belastungen brauchten psychische Hilfe
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mehr als zwei Drittel der jungen Menschen in Europa haben in ihrer Kindheit und Jugend schwerwiegende Belastungen erfahren. Zudem berichtete mehr als jeder fünfte junge Erwachsene von vier oder mehr solcher Ereignisse. Dies geht aus Erhebungen des WHO-Regionalbüros Europa hervor, die in Partnerschaft mit der Liverpool John Moores University durchgeführt und von der Europäischen Kommission finanziert wurden.
Die Daten verdeutlichen, wie tiefgreifend frühe Traumata die Gesundheit, Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen beeinträchtigen.
Hohe Verbreitung widriger Kindheitserfahrungen
Grundlage der Untersuchung ist eine Befragung von 26.000 jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 30 Jahren aus 29 europäischen Ländern, darunter Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Island, Norwegen und Italien.
Insgesamt machten 68,9 Prozent der Befragten mindestens eine sogenannte belastende Kindheitserfahrung (Adverse Childhood Experience, ACE). Fast 30 Prozent dieser Betroffenen gaben an, vier oder mehr solcher Erfahrungen durchlebt zu haben.
Im Detail entfielen 22,2 Prozent der Studienteilnehmer auf genau eine belastende Erfahrung, 23,9 Prozent auf zwei oder drei und 22,8 Prozent auf vier oder mehr Ereignisse. Als häufigste Belastung nannten 39,2 Prozent die Trennung oder den Tod eines Elternteils.
Das Miterleben häuslicher Gewalt betraf 35,2 Prozent, sexueller Missbrauch 29,1 Prozent und psychische Erkrankungen im familiären Umfeld 25,5 Prozent. Zudem berichteten 22,1 Prozent von Substanzmissbrauch in der Familie, 21,4 Prozent von emotionalem Missbrauch, 13,2 Prozent von Vernachlässigung und 12 Prozent von körperlichem Missbrauch.
Mark Bellis von der Liverpool John Moores University, der die wissenschaftliche Leitung innehatte, beschrieb die festgestellten Muster als bemerkenswert einheitlich.
Auswirkungen auf Gesundheit und Gewaltgefährdung
Die Häufung früher Traumata steht in engem Zusammenhang mit gesundheitlichen und psychosozialen Problemen. Bei Personen mit vier oder mehr Belastungen gaben 76,3 Prozent – also fast acht von zehn Befragten – an, im Vorjahr professionelle psychische Unterstützung benötigt zu haben.
Fast acht von zehn jungen Erwachsenen mit vier oder mehr belastenden Kindheitserfahrungen brauchten im Vorjahr professionelle psychische Unterstützung — viele erhielten sie nicht. Wer die eigenen frühen Belastungen einordnen will, findet in diesem kostenlosen Guide einen Selbsttest, konkrete Wege zur Trauma-Hilfe und fünf Übungen zur emotionalen Stabilisierung. Kostenlosen Trauma-Guide anfordern
In der Gruppe ohne solche Erfahrungen lag dieser Anteil bei 36,7 Prozent. Gleichzeitig berichtete die am stärksten belastete Gruppe häufiger davon, die benötigte Hilfe nicht erhalten zu haben.
Darüber hinaus steigt das Risiko von Gewalterfahrungen drastisch an: Befragte mit hoher Belastung wurden im Vorjahr sechsmal häufiger Opfer von Gewalt und traten zehnmal häufiger selbst gewalttätig in Erscheinung. Zudem erlebten sie in ihrer Kindheit achtmal häufiger Cybermobbing.
Wirtschaftliche Verluste und soziale Folgekosten
Frühe Belastungen schlagen sich auch in messbaren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Einbußen nieder. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation führt die hohe Belastung zu einem Verlust von rund 84 gesunden Lebenstagen pro Jahr, was im Alter zwischen 18 und 30 Jahren etwa zwei verlorenen Jahren entspricht. Der geschätzte wirtschaftliche Effekt beläuft sich auf knapp unter 76.000 Euro pro Person über denselben Zeitraum.
Zusätzlich sind belastende Kindheitserfahrungen mit einem niedrigeren Bildungsniveau, einem erhöhten Schulabbruch- und Arbeitslosigkeitsrisiko, einem Leben in einkommensschwachen Haushalten sowie einem gesteigerten NEET-Status verknüpft, bei dem junge Menschen weder in Beschäftigung noch in Ausbildung sind.
Viele, die heute unter Unruhe, Erschöpfung oder Beziehungsproblemen leiden, ahnen nicht, dass frühe Belastungen dahinterstehen. Dieser kostenlose Guide hilft Ihnen, die eigenen Kindheitserfahrungen zu erkennen und den ersten Schritt aus der Belastungsspirale zu gehen — mit Selbsttest, Hilfswegen und Stabilisierungsübungen. Ersten Schritt jetzt gehen
Natasha Azzopardi-Muscat, Direktorin für Gesundheitssysteme beim WHO-Regionalbüro Europa, ordnete die Problematik als soziales und wirtschaftliches Problem ein, das häufig unterschätzt werde.
Ein Aufwachsen in Gewalt oder Krisen begleite Menschen oft bis in die Schule, den Arbeitsmarkt und private Beziehungen. Das Regionalbüro fordert daher sektorübergreifende Maßnahmen, um Armut, soziale Ausgrenzung und Gewalt wirksam einzudämmen.

