Gefäßrisiko trotz normaler Blutwerte: ApoB und Viszeralfettindex liefern Hinweise
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 07:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Reguläre Routineuntersuchungen erfassen das individuelle Gefäßrisiko häufig nur unvollständig. Forschungsteams adressieren die Problematik unerkannter kardiovaskulärer Risiken bei Patienten mit normalen Standard-Blutwerten durch den Einsatz erweiterter Marker wie Apolipoprotein B und den chinesischen Viszeralfettindex.
Da unauffällige Standardparameter trügerisch sein können, gewinnen differenziertere laborchemische und anthropometrische Messungen in der kardiometabolischen Prävention an Bedeutung.
Differenzierte Lipidanalysen jenseits des Gesamtcholesterins
In der klinischen Beurteilung des Fettstoffwechsels gilt die isolierte Betrachtung des Gesamtcholesterins als wenig aussagekräftig. Kardiologe Ulrich Laufs, Klinikdirektor in Leipzig, betont, dass LDL, HDL und Triglyzeride wesentlich belastbarere Hinweise auf Gefäßgefahren liefern. Zudem empfiehlt Laufs, den genetisch determinierten Marker Lp(a) einmal im Leben bestimmen zu lassen, was insbesondere bei Frauen nach der Menopause relevant ist.
Der Einfluss von Verhaltensanpassungen auf diese Werte ist allerdings begrenzt: Laut Laufs stellt der Körper zwei Drittel des Blutfetts über die Leber her und nur ein Drittel über die Nahrung.
Bei schlechter Ernährung und Übergewicht lassen sich die Werte über Gewichtsreduktion und eine Ernährungsumstellung um 10 bis 30 Prozent senken, während bei schlanken Personen mit gesunder Lebensweise kaum Veränderungen erzielt werden. Nahrungsergänzungsmittel wie Zimt, Knoblauch, Omega-3 oder pflanzliche Sterole stuft Laufs zur Cholesterinsenkung als wissenschaftlich nicht wirksam ein.
Dass die Interpretation von Blutfettwerten auch international variiert, belegt eine systematische Übersicht im International Journal of Cardiology. Die Analyse von 109 globalen klinischen Leitlinien zum Lipidmanagement bei Erwachsenen mit oder ohne atherosklerotischem Risiko zeigte zwar einen gemeinsamen Rahmen, offenbarte jedoch erhebliche Diskrepanzen bei LDL-C-Zielwerten und Nicht-Statin-Therapien. Zudem sind evidenzbasierte Empfehlungen für ältere Erwachsene, Frauen und Patienten mit Adipositas weltweit weiterhin spärlich.
Grenzen klassischer Körpermessungen und viszerales Fett
Neben den Blutwerten stehen auch etablierte Körperindikatoren in der Kritik. Der Body-Mass-Index (BMI) ist für Sportler nur bedingt geeignet, da er Muskel- und Fettgewebe nicht unterscheidet; so können Kraftsportler bei unauffälligem Körperfettanteil einen BMI von 27 bis 28 aufweisen.
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Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation gilt ein BMI von 18,5 bis 24,9 als Normalgewicht, 25,0 bis 29,9 als Übergewicht und Werte ab 30,0 als Adipositas.
Für die kardiometabolische Risikobewertung spielen Messgrößen zur Fettverteilung eine wichtigere Rolle. Gemäß AWMF-S3-Leitlinie und WHO signalisiert ein Taillenumfang ab 94 Zentimetern bei Männern und ab 80 Zentimetern bei Frauen ein erhöhtes Risiko; ab 102 beziehungsweise 88 Zentimetern gilt es als deutlich erhöht.
Das Taille-Hüft-Verhältnis (WHR) weist laut WHO ab 0,90 bei Männern und 0,85 bei Frauen auf Gefahren hin, während ein Verhältnis von Taille zur Körpergröße unter 0,5 als günstig eingestuft wird. Als präzisere Alternativen zum BMI gelten Verfahren wie DEXA, bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) und Kalipometrie.
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Ergänzend ermöglichen nicht-invasive Methoden wie Wearables und Herzratenvariabilitäts-Analysen kontinuierliche Verlaufsbeobachtungen im Alltag, erfordern jedoch fachliche Einordnung, da uneinheitliche Standards und bloße Rohdaten die ärztliche Diagnostik nicht ersetzen.
Systemische Faktoren verstärken Gefäßrisiken
Zusätzliche Risiken entstehen durch chronische Entzündungen und metabolische Vorstufen. Wie die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh) darlegt, belasten entzündlich-rheumatische Erkrankungen die Gefäße erheblich. Leitlinien weisen auf ein um rund 40 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko bei rheumatoider Arthritis hin.
Laut Jan Leipe, Leitlinienkoordinator der DGRh, unterschätzen herkömmliche Risikorechner diese Gefahren bei Rheumapatienten regelmäßig, weshalb eine engmaschige Kontrolle metabolischer Parameter und eine konsequente Entzündungshemmung notwendig sind.
