Gehirntraining bei Demenz: Betreuung senkt schwere Beeinträchtigungen um 18 Prozent
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 11:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deSingen, Rätsel lösen, Bewegung mit musikalischer Begleitung: Neurologen und Psychologen untersuchen derzeit auf mehreren Ebenen, wie Hobbys und gezieltes Training die Gehirngesundheit im Alter beeinflussen können.
Angesichts der steigenden Zahl von Demenzerkrankungen – laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft lebten Ende 2025 rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Demenz, und laut Deutschem Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erkranken jährlich zwischen 364.000 und 445.000 Menschen neu – gewinnt die Frage nach wirksamer Prävention an Bedeutung. Eine Heilung ist bislang nicht möglich.
Gesangsunterricht als Forschungsobjekt
An der Universität Wien läuft seit 2025 das auf vier Jahre angelegte Projekt "Musik für das Gedächtnis" unter Leitung der Psychologin Anja-Xiaoxing Cui vom Institut für Musikwissenschaft, gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF.
In Wien, Norwegen und Argentinien erhalten 100 Personen über 65 Jahren mit Alzheimer-Demenz, die zuvor keine musikalischen Vorkenntnisse hatten, ein Jahr lang Gesangsunterricht – ein Teil einmal im Monat, ein anderer Teil zweimal pro Woche, begleitet von Einzelcoachings durch eine Musiktherapeutin.
Mittels EEG und MRT sowie einer Vergleichsgruppe gesunder gleichaltriger Personen soll untersucht werden, ob die Probanden neue Musik erlernen können und ob das musikalische Gedächtnis andere Gedächtnisfunktionen positiv beeinflusst. Cui betonte, dass es wichtig sei, neue Lieder zu singen statt nur altbekannte zu wiederholen; die Töne müssten dabei nicht perfekt getroffen werden.
Hintergrund für diesen Ansatz liefert eine ältere Studie des Max-Planck-Instituts Leipzig von 2015, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Brain": Jörn-Henrik Jacobsen und Kollegen zeigten, dass die Hirnregionen des musikalischen Langzeitgedächtnisses bei Alzheimer-Patienten vergleichsweise wenig von Gewebeschwund und vermindertem Stoffwechsel betroffen sind – ein möglicher Erklärungsansatz dafür, warum musikbasierte Ansätze bei Demenz greifen könnten.
Praxisangebote für Betroffene und Angehörige
Auch außerhalb der Forschung entstehen niedrigschwellige Angebote. Die Deutsche Radio Philharmonie bietet erstmals das Format "Erinnerungsklänge" für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen an, am 11. Oktober im SWR Studio Kaiserslautern. Das rund 45-minütige, barrierefreie Konzert mit Werken wie Griegs "Morgenstimmung", dem ersten Satz von Mozarts "Kleiner Nachtmusik", dem "Radetzky-Marsch" und Volksliedern lädt zum Mitsingen und Mitklatschen ein; ein Verlassen des Saals ist jederzeit möglich. Moderiert wird die Veranstaltung von Thomas Rosch, das Format soll künftig regelmäßig stattfinden.
Am 10. Oktober findet im Landratsamt Landsberg am Lech eine Veranstaltung zur Demenzprävention statt. Monika Mölch, gerontopsychiatrische Fachkraft des Landratsamts, spricht über Präventionsfaktoren und wertschätzende Kommunikation mit Menschen mit Demenz; anschließend bietet die zertifizierte Life-Kinetik- und Neurokinetik-Trainerin Isabelle Hetschko praktische Übungen an. Die Teilnahme ist kostenfrei und ohne Anmeldung möglich.
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Ein ähnliches Konzept verfolgte bereits eine Veranstaltung des Katholischen Frauenbunds und des evangelischen Frauenkreises Königstein, an der 34 Teilnehmerinnen Vortrag und Praxiseinheit zu Life Kinetik besuchten.
Referentin Heidrun Schötz erläuterte, dass das Konzept ungewöhnliche Bewegungsaufgaben mit Wahrnehmungs- und Gehirntraining verbinde, um Merkfähigkeit zu steigern, Stress abzubauen und kreatives Denken zu fördern – geeignet für alle Altersgruppen ohne Vorkenntnisse.
Zu den Übungen zählten Koordination mit Bällen, Bewegung mit Musik und Gedächtnistraining. Weitere Termine sind geplant, Kurse bietet Schötz über das evangelische Bildungswerk an.
Forschung zu Risikofaktoren und medikamentösen Ansätzen
Die bayerische Gesundheits-, Pflege- und Präventionsministerin Judith Gerlach besuchte kürzlich den DZNE-Standort München, wo rund 100 Forschende zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und neuen Therapien arbeiten, in Kooperation mit LMU München, TU München und deren Kliniken sowie dem Exzellenzcluster SyNergy.
Im Gespräch mit Standortsprecher Mikael Simons und weiteren Fachleuten ging es um aktuelle Entwicklungen der Demenzforschung und den Bayerischen Demenzpakt. Simons betonte, man brauche neue Strategien zur Demenzprävention.
Eine im August 2026 in der Fachzeitschrift "Alzheimer's & Dementia" veröffentlichte US-Studie mit Daten von 3.873 Personen ab 50 Jahren zeigte, dass höherer chronischer Stress zu Studienbeginn mit stärkerem Rückgang von Aufmerksamkeit und Sprachfähigkeit verbunden war, insbesondere bei Frauen, während höhere soziale Unterstützung mit geringerem Rückgang der Aufmerksamkeit einherging.
Studienautorin Michelle M. Mielke von der Wake Forest University School of Medicine verwies zudem auf frühere Erkenntnisse, wonach das Stresshormon Cortisol das Alzheimer-Risiko bei Frauen erhöht.
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Eine Studie der Universität Southampton unter Leitung von Paul Little untersuchte an 11.500 Personen zwischen 60 und 85 Jahren mit leichter bis schwerer kognitiver Beeinträchtigung die Wirkung von Online-Angeboten mit Aktivitäten wie Kreuzworträtseln, Lesen, Musikhören und Brain-Training.
Nach zwölf Monaten zeigten rund 28 Prozent der Kontrollgruppe keine Anzeichen kognitiver Beeinträchtigung mehr, in der Gruppe mit reinem Website-Zugang waren es knapp 33 Prozent, in der Gruppe mit zusätzlicher persönlicher Betreuung durch eine Fachkraft rund 32 Prozent mit umgekehrtem Abbau.
In dieser intensiv betreuten Gruppe gab es zudem 8 Prozent weniger Personen mit leichter und 18 Prozent weniger mit schwerer kognitiver Beeinträchtigung im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Autoren weisen jedoch auf methodische Einschränkungen hin, etwa das Fehlen einer klassischen Kontrollgruppe und einer formalen Prozessanalyse; Langzeit-Follow-ups seien nötig.
Auch medikamentöse Ansätze werden untersucht: Eine Auswertung dänischer Registerdaten von 132.585 Personen durch Forscher des Universitätsklinikums Kopenhagen, veröffentlicht in "The Lancet Regional Health – Europe", ergab, dass eine frühzeitige Statinbehandlung bei Typ-2-Diabetes im ersten Jahr nach Diagnose das Demenzrisiko innerhalb von zehn Jahren um 15 Prozent senkte, ein späterer Beginn innerhalb von fünf Jahren um 10 Prozent.
Erstautor Tummas Ternhamar betonte, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handle und weitere Forschung nötig sei, um einen Kausalzusammenhang zu belegen. Eine Expertenkommission von "The Lancet" geht davon aus, dass bei Minimierung von 14 Risikofaktoren, darunter erhöhtes LDL-Cholesterin, jeder zweite Demenzfall verhindert werden könnte.
Eine In-vitro-Laborstudie der SRH University und der Universität des Saarlandes unter Leitung von Marcus Grimm und Heike Grimm untersuchte zudem, wie Cannabidiol (CBD) die Fettzusammensetzung von Zellmembranen verändert.
Unter CBD-Einfluss nahmen bestimmte Phosphatidylcholin-Gruppen zu, auch in Zellen mit einer Alzheimer-relevanten APP-Variante, während andere Lipidgruppen zurückgingen – darunter mehrfach ungesättigte Lipide, was kritisch zu bewerten sei. Eine allgemeine Empfehlung zur CBD-Einnahme lasse sich daraus nicht ableiten; weitere Studien seien erforderlich.
