Gehirntraining: Lebensstilprogramme verbessern Kognition um 55%
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 04:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine im Fachjournal The Lancet publizierte Untersuchung liefert neue Belege fĂŒr den Nutzen gezielter Lebensstilprogramme bei Ă€lteren Menschen. Die sogenannte LatAm-FINGERS-Studie begleitete 1065 Erwachsene im Alter von 60 bis 77 Jahren an zwölf Zentren in elf lateinamerikanischen LĂ€ndern ĂŒber einen Zeitraum von zwei Jahren.
Die Teilnehmenden absolvierten eine strukturierte Intervention, die körperliche Bewegung, die MIND-DiÀt, kognitives Training sowie eine engmaschige Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker und Körpergewicht umfasste. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mit flexibler Gesundheitsberatung verbesserte dieses koordinierte Vorgehen die Gesamtkognition um 55 Prozent.
Kognitive Effekte und methodische Grenzen
Die stĂ€rksten ZuwĂ€chse beobachteten die Forschenden im Bereich des GedĂ€chtnisses. DarĂŒber hinaus verbesserten sich auch die Exekutivfunktionen sowie die Verarbeitungsgeschwindigkeit messbar. Diese positiven Effekte traten den Studiendaten zufolge unabhĂ€ngig von Faktoren wie Alter, Bildungsniveau, ethnischer Zugehörigkeit oder einer genetischen Alzheimer-Veranlagung auf.
Trotz der belegten Steigerung der geistigen LeistungsfĂ€higkeit erbrachte die Untersuchung jedoch keinen formalen Nachweis dafĂŒr, dass sich der Ausbruch einer Demenz durch das Programm verhindern lĂ€sst.
Die Ergebnisse knĂŒpfen an die ursprĂŒngliche FINGER-Studie an, die ebenfalls in The Lancet erschienen war. Bei dieser VorgĂ€ngeruntersuchung erhielten 1260 Personen im Alter von 60 bis 77 Jahren ĂŒber zwei Jahre hinweg eine multidisziplinĂ€re Betreuung aus ErnĂ€hrungsumstellung, Sport, GedĂ€chtnistraining und vaskulĂ€rer Risikokontrolle.
Auch dort konnte die kognitive Funktion bei Probanden mit erhöhtem Risiko erhalten oder verbessert werden, ohne dass ein vollstÀndiger Schutz vor einer Demenzerkrankung nachgewiesen werden konnte.
Globale Relevanz angesichts steigender Fallzahlen
Die Bedeutung prĂ€ventiver AnsĂ€tze wĂ€chst vor dem Hintergrund einer rasch alternden Weltbevölkerung. Weltweit leben derzeit ĂŒber 57 Millionen Menschen mit einer Demenz; bis zum Jahr 2050 wird ein Anstieg auf ĂŒber 152 Millionen Betroffene erwartet. In einzelnen LĂ€ndern wie Norwegen belĂ€uft sich die Zahl der Erkrankten auf rund 100.000.
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Einer Veröffentlichung der Lancet-Kommission aus dem Jahr 2024 zufolge sind 14 modifizierbare Risikofaktoren bekannt â darunter Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, Rauchen, soziale Isolation, LDL-Cholesterin, unbehandelter Sehverlust, Hörverlust und Luftverschmutzung. Auf Bevölkerungsebene könnten schĂ€tzungsweise 45 Prozent der DemenzfĂ€lle durch gezielte GegenmaĂnahmen verhindert oder zeitlich verzögert werden.
Ein Bericht im Lancet verweist zudem darauf, dass eine Insulinresistenz im mittleren Alter als relevanter Treiber der Hirnalterung gilt, da Insulinsignale sowohl die synaptische PlastizitĂ€t als auch das Ăberleben von Neuronen und den Glukosestoffwechsel im Gehirn beeinflussen.
Zusammenspiel verschiedener Lebensstilbereiche
Die Wirksamkeit kombinierter MaĂnahmen wird durch weitere klinische Studien gestĂŒtzt. Eine im Fachblatt Alzheimer's Research & Therapy veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie unter der Leitung von Dean Ornish untersuchte 51 Teilnehmer mit milder kognitiver Störung oder frĂŒher Demenz ĂŒber 20 Wochen.
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Die Gruppe mit intensiver LebensstilĂ€nderung â bestehend aus tĂ€glich mindestens 30 Minuten Bewegung, pflanzlicher Kost, Stressreduktion, NahrungsergĂ€nzung und sozialem RĂŒckhalt â erzielte auf der Skala CDR-SB einen Wert von plus 1,6 Punkten gegenĂŒber plus 3,3 Punkten in der Kontrollgruppe.
Bei zehn von 24 Teilnehmern der Interventionsgruppe verbesserte sich der Zustand gemÀà CGIC-Skala, wÀhrend dies in der Kontrollgruppe bei keinem Probanden der Fall war. Bildgebende Verfahren zeigten zudem eine geringere Hirnatrophie im Hippokampus und im entorhinalen Kortex.
ErgĂ€nzende Forschung verdeutlicht die Bandbreite wirksamer Verhaltensweisen. Laut einer Studie in JAMA Neurology können fĂŒnf Gewohnheiten â Nichtrauchen, mindestens 150 Minuten Sport pro Woche, moderater Alkoholkonsum, kognitive Ăbungen und die Einhaltung der MIND-DiĂ€t â das Demenzrisiko um bis zu 40 Prozent senken.
Professor Dr. Bar?? Metin von der ĂskĂŒdar-UniversitĂ€t betont in diesem Zusammenhang, dass es kein einzelnes ĂŒberlegenes Gehirntraining gebe, da unterschiedliche Ăbungen verschiedene Hirnbereiche beanspruchten. Kognitives Training allein biete keinen garantierten Schutz vor Alzheimer, weshalb die Beeinflussung vaskulĂ€rer Faktoren, ErnĂ€hrung und soziale Kontakte unverzichtbar blieben.
