Gematik-Reform: Deutschlands Telematikinfrastruktur wird Open-Source
19.06.2026 - 23:03:26 | boerse-global.de
Juni 2026 eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Telematikinfrastruktur (TI) beschlossen. Das nationale Digitalgesundheits-Agentur setzt künftig auf eine souveräne Open-Source-Plattform-Architektur – ein Paradigmenwechsel, der die elektronische Patientenakte (ePA) und digitale Rezepte betrifft.
Druck der Krankenkassen wird zum Treiber
Hinter dem Schritt steckt massiver Druck der gesetzlichen Krankenversicherungen. Der GKV-Spitzenverband, die AOK und die Techniker Krankenkasse finanzieren rund 93 Prozent der jährlichen Infrastrukturkosten – geschätzte 100 Millionen Euro. Kein Wunder also, dass sie mehr Entscheidungsbefugnis fordern.
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Bereits im Januar 2026 legten die Kassen ein Positionspapier vor: Sie verlangen eine klare Trennung zwischen Gematiks Regulierungsaufgaben und dem kommerziellen Markt. Während IT-Dienstleister wie Bitmarck darauf drängen, dass die Kassen die Kontrolle über patientennahe Schnittstellen behalten, warnt der Branchenverband bvitg vor möglichen Monopolen durch die Kostenträger.
USA als Vorbild bei Regulierungsmodernisierung
Interessant: Auch jenseits des Atlantiks tut sich etwas. Am 9. Juni 2026 richtete die US-Gesundheitsbehörde CMS das neue „Office of Health Technology and Products" (OHTP) ein. Die Behörde soll unter der Leitung des CMS-CIO die Technologiemodernisierung beschleunigen und Interoperabilitätsinitiativen für Medicare, Medicaid und das Kinderkrankenversicherungsprogramm CHIP vorantreiben.
Die neue Einheit verfügt über eigene Abteilungen für Open-Source-Programme und Datenplattformen. Ein zentrales Ziel: die „Kill the Clipboard"-Kampagne zur Reduzierung von Verwaltungslasten. Über 700 Organisationen haben sich bereits angeschlossen, um den Datenaustausch im Gesundheitswesen zu verbessern.
Souveräne Cloud: Deutsche Daten bleiben in Deutschland
Sicherheit und Datenhoheit stehen im Mittelpunkt der Infrastruktur-Upgrades. Mitte Juni 2026 gab die noris network AG bekannt, dass sie eine führende deutsche Gesundheitsorganisation erfolgreich auf eine souveräne Cloud-Plattform migriert hat. Die Infrastruktur verteilt sich über Rechenzentren in Nürnberg und München – die Organisation behält die Kontrolle über Kernfunktionen wie Datensicherungen, während der Anbieter den laufenden Betrieb managt.
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Zum Vergleich: In den USA komprimierte das Non-Profit-Krankenhaussystem Inova einen auf vier Jahre angelegten Datenmodernisierungsplan auf nur sechs Monate. Mit einem Technologie-Mix aus Fivetran, Microsoft Fabric und Databricks bereitete sich das System auf KI-Anwendungen vor.
Kliniken setzen auf digitale Großprojekte
Weltweit laufen derzeit einige der größten digitalen Implementierungen im Krankenhausbereich:
Bildgebende Verfahren: 15 NHS-Trusts in den englischen West Midlands haben eine Ausschreibung für eine konvergierte digitale Bildgebungsplattform gestartet. Das Projekt soll eine einheitliche Diagnostikakte für 6,6 Millionen Menschen schaffen und die Zusammenarbeit zwischen Radiologen verbessern – mit früheren Diagnosen bei Krebs und Traumata.
Smart Rooms: AdventHealth rüstet derzeit 13.000 Akutpflegezimmer in 57 Krankenhäusern in neun US-Bundesstaaten nach. Rund 60 Prozent der Installationen waren Mitte 2026 abgeschlossen, die vollständige Inbetriebnahme ist für Ende des Jahres geplant. Die Technologie integriert Computer-Vision-Kameras und digitale Whiteboards mit elektronischen Patientenakten, um die Bildschirmzeit während der Patienteninteraktion zu reduzieren.
KI-Überwachung: In Südkorea hat Daewoong Pharmaceutical das KI-gestützte „thynC"-Bettüberwachungssystem am Chonnam National University Hospital installiert – insgesamt 558 Betten.
73 Millionen ePA-Akten: Die Zahlen sprechen für sich
Die Digitalisierung kommt voran. Bis April 2026 wurden in Deutschland 73 Millionen elektronische Patientenakten angelegt, mit über 100 Millionen Uploads seit Systemstart. Seit Oktober 2025 ist die ePA für Berliner Praxen verpflichtend – und eine Umfrage vom März 2026 zeigt: 70 Prozent der Ärzte erkennen inzwischen konkrete Vorteile digitaler Anwendungen und KI, besonders bei Dokumentation und Verwaltung.
Die Expansion geht weiter. Am 18. Juni 2026 brachte Insiders Technologies ein ePA-Add-on für private Krankenversicherungen auf den Markt – der direkte Zugriff über Versicherungs-Apps wird möglich. Und in Großbritannien bereitet sich das University Hospitals Sussex auf den vollständigen Start der elektronischen Patientenakte im Frühjahr 2027 vor – nach erfolgreicher Einführung digitaler Patientenbeobachtungen und E-Prescribing in den Notaufnahmen.
