Genomstudie: Von 159 Mutationsträgern erhielt nur einer eine Diagnose
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 01:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine im Fachjournal Lancet Rheumatology online erschienene Genomstudie vom 13. Oktober 2026 deutet darauf hin, dass systemische autoinflammatorische Erkrankungen in der klinischen Praxis deutlich unterdiagnostiziert werden.
Die Forschenden stützten sich auf die Daten zweier großer Biobanken und stellten fest, dass ein erheblicher Teil der Träger relevanter genetischer Varianten zwar Symptome aufweist, jedoch nur in Ausnahmefällen eine entsprechende formelle Diagnose erhält.
Umfassende Datengrundlage aus zwei groĂźen Kohorten
FĂĽr die Untersuchung analysierte das Team genetische und klinische Daten von insgesamt 640.092 Teilnehmern. Die Stichprobe setzte sich aus zwei groĂźen Projekten zusammen: der US-amerikanischen Initiative Geisinger MyCode mit 170.503 Teilnehmenden (davon 60,5 Prozent weiblich) und der UK Biobank mit 469.589 Teilnehmenden (davon 54,5 Prozent weiblich). Eine methodische Limitation der Studie besteht darin, dass die untersuchten Kohorten ĂĽberwiegend weiĂźe Teilnehmer umfassten.
Im Rahmen der Untersuchung wurden 28 Gene überprüft, die bekanntermaßen ursächlich mit systemischen autoinflammatorischen Krankheitsbildern verknüpft sind. Über den gesamten Datenbestand hinweg lag die Prävalenz pathogener oder wahrscheinlich pathogener Varianten in diesen Genen bei 0,02 Prozent.
Hohe Symptomlast bei fehlenden Diagnosen
Im ersten Schritt identifizierte die Analyse 755 Personen mit potenziell krankheitsassoziierten Genvarianten. Nach strengerer Filterung verblieben 159 Träger hochkonfidenter pathogener oder wahrscheinlich pathogener Varianten, die sich auf 17 Gene verteilten. Dies entspricht einer geschätzten Prävalenz von 1 von 4.026 beziehungsweise 0,02 Prozent.
Innerhalb der einzelnen Kohorten belief sich die Häufigkeit dieser 159 sogenannten Tier-1-Fälle auf 0,04 Prozent in der US-amerikanischen Geisinger-Gruppe und auf 0,02 Prozent in der britischen UK Biobank.
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Trotz der Seltenheit der Mutationen traten bei vielen Betroffenen gesundheitliche Beschwerden auf. Von den 159 identifizierten Trägern wiesen 81 Personen (51 Prozent) klinisch relevante Entzündungsmerkmale auf. Dennoch lag in der gesamten Gruppe lediglich bei einer einzigen Person eine dokumentierte Diagnose einer autoinflammatorischen Erkrankung vor.
Die sogenannte Penetranz – der Anteil der Mutationsträger mit klinischen Krankheitszeichen – fiel zwischen den Kohorten unterschiedlich aus: Bei Geisinger MyCode lag sie bei 50 von 63 Personen (79 Prozent), in der UK Biobank bei 31 von 96 Personen (32 Prozent).
Ausprägung und Assoziationen in den Registern
Die Träger genetischer Veränderungen zeigten in den elektronischen Patientenakten gehäuft spezifische Entzündungs- und Gewebereaktionen. In der UK Biobank war das Vorliegen der Varianten stark mit rheumatoiden Autoimmunerkrankungen verbunden (Odds Ratio [OR] 12,28; 95%-Konfidenzintervall [CI] 4,12–30,68; P=.0002).
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Auch Fieber (OR 7,51; 95%-CI 2,25–19,87; P=.0064) sowie Arthritis (OR 3,70; 95%-CI 1,70–7,99; P=.0033) traten signifikant häufiger auf. Zudem ergaben sich Assoziationen mit Entzündungen der unteren Atemwege (OR 9,76; 95%-CI 2,98–25,84) und anderen Lungenerkrankungen (OR 5,29; 95%-CI 1,93–12,67).
In der US-Kohorte von Geisinger zeigte sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die Einnahme von Immunsuppressiva (OR 3,98; 95%-CI 1,40–9,23; P=.028) sowie das Auftreten von Vaskulitis (OR 5,06; 95%-CI 1,01–15,54).
Über beide Kohorten hinweg bildeten lediglich zwei Gene – NOD2 und UBA1 – eine gemeinsame Schnittmenge mit konsistent angereicherten Diagnosecodes. Die Auswertungen verdeutlichen somit die Diskrepanz zwischen der genetischen Veranlagung samt klinischer Beschwerden und der tatsächlichen Erfassung im Versorgungsalltag.
