GLP-1-PrÀparate: EMA stuft Augeninfarkt als sehr seltene Nebenwirkung ein
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 03:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mediziner warnen vor seltenen Augenkomplikationen im Zusammenhang mit der Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten, wÀhrend die wissenschaftliche Forschung fortlaufend mögliche Begleitwirkungen dieser Wirkstoffklasse untersucht.
Im Zentrum der Diskussion steht vor allem die nicht-arteriitische anteriore ischĂ€mische Optikusneuropathie (NAION), eine Durchblutungsstörung des Sehnervs, die umgangssprachlich auch als Augeninfarkt bezeichnet wird und zu plötzlichem Sehverlust fĂŒhren kann.
Wissenschaftliche Studien und behördliche Bewertungen
Erste deutliche Signale rĂŒckten im Jahr 2024 in das Blickfeld der Fachwelt, als ein Bostoner Gesundheitszentrum ein entsprechendes Sicherheitssignal zu NAION meldete.
Im selben Jahr stellte eine Harvard-Studie bei Typ-2-Diabetes-Patienten mit Semaglutid-Verordnung ein etwa vierfaches relatives Risiko fest, wobei das absolute Risiko weiterhin sehr niedrig blieb und Beobachtungsstudien keine direkte KausalitÀt belegen.
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Eine weitere Untersuchung in JAMA Ophthalmology aus dem Jahr 2025, die Daten von rund 37 Millionen Erwachsenen analysierte, ermittelte bei Semaglutid-Anwendern ebenfalls ein moderat erhöhtes NAION-Risiko im Vergleich zu Nutzern von SGLT2-Hemmern.
Die Regulierungsbehörden reagierten international unterschiedlich auf diese Befunde. Die EuropÀische Arzneimittel-Agentur (EMA) stufte NAION als sehr seltene Nebenwirkung ein, die höchstens einen von 10.000 Behandelten betrifft.
In Brasilien stufte die Gesundheitsbehörde Anvisa Noia im Juni 2025 ebenfalls als sehr seltene Nebenwirkung von Semaglutid-PrÀparaten mit einer HÀufigkeit von bis zu 1 von 10.000 ein; laut einem Bericht vom 27. September 2026 untersucht die Behörde aktuell 13 Verdachtsmeldungen, ohne dass ein ursÀchlicher Zusammenhang bestÀtigt ist.
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Neben Teilen Europas und Australien, wo die TGA das Krankheitsbild als seltenes potenzielles Risiko auffĂŒhrt, ergĂ€nzte auch Kanada entsprechende Hinweise.
Die US-Arzneimittelbehörde FDA prĂŒft den Zusammenhang weiterhin, verlangt bislang jedoch keinen spezifischen Warnhinweis. Nach SchĂ€tzungen der American Academy of Ophthalmology (AAO) liegt das allgemeine Vorkommen von NAION in den USA jĂ€hrlich bei 2 bis 10 FĂ€llen je 100.000 Menschen.
Juristischer Druck auf die Hersteller
Die Debatte schlÀgt sich zunehmend auch in GerichtssÀlen nieder. Berichten vom 26. und 27. September 2026 zufolge sehen sich Novo Nordisk und Eli Lilly mit zahlreichen Klagen von Anwendern konfrontiert, die PrÀparate wie Ozempic, Wegovy, Mounjaro oder Zepbound eingenommen haben.
Am 25. September 2026 reichten zwölf Personen eine Klage ein, in der sie angeben, nach der Anwendung vollstÀndig erblindet zu sein. Bereits zuvor hatte ein KlÀger namens Todd Engel den Herstellern unzureichende Warnungen vorgeworfen, nachdem er das Sehvermögen zunÀchst auf dem rechten und rund zehn Monate spÀter auf dem linken Auge verloren habe.
Novo Nordisk hĂ€lt das Nutzen-Risiko-VerhĂ€ltnis seiner PrĂ€parate weiterhin fĂŒr gĂŒnstig, wĂ€hrend Eli Lilly die Sicherheitsdaten fortlaufend prĂŒft. Beide Konzerne weisen die VorwĂŒrfe zurĂŒck und betonen, dass ein ursĂ€chlicher Zusammenhang wissenschaftlich nicht belegt sei. Zudem erschwere Diabetes als eigenstĂ€ndiger Risikofaktor fĂŒr Augenerkrankungen eine eindeutige Bewertung.
Empfehlungen fĂŒr Vorerkrankte und weitere Risiken
UnabhĂ€ngig von NAION kann Semaglutid bei bestehender diabetischer Retinopathie Komplikationen begĂŒnstigen, insbesondere bei einer raschen Senkung des Blutzuckerspiegels. Eine Untersuchung verzeichnete solche Komplikationen bei 3,0 Prozent der mit Semaglutid Behandelten gegenĂŒber 1,8 Prozent unter Placebo.
Mediziner und die EMA raten Patienten mit Diabetes und NetzhautverÀnderungen daher zu augenÀrztlichen Kontrollen vor Behandlungsbeginn oder einer Dosiserhöhung. Bei plötzlicher Sehverschlechterung sollte sofort ein Facharzt aufgesucht werden, ohne die Medikamente eigenmÀchtig abzusetzen.
Ein am 25. September 2026 befragter Internist nannte eine mögliche SehnerventzĂŒndung mit verminderter Durchblutung als denkbaren Mechanismus, warnte vor Selbstmedikation sowie SchwarzmarktprĂ€paraten und empfahl Voruntersuchungen bei Glaukom oder Retinopathie.
Parallel beobachten Forscher weitere Begleiterscheinungen: Eine israelische Forschungsgruppe identifizierte anhand von Meldungen 15 FÀlle von Wernicke-Enzephalopathie bei Semaglutid- oder Tirzepatid-Anwendern, denen meist starker Gewichtsverlust, Erbrechen oder MangelernÀhrung vorausgingen.
Eine Studie des Ann & Robert H. Lurie Children's Hospital an 2.031 jugendlichen GLP-1-Anwendern zwischen 2017 und 2022 wies innerhalb eines Jahres bei 16,8 Prozent einen NÀhrstoffmangel nach, darunter 12,4 Prozent mit Vitamin-D-Mangel. Zudem weisen FachÀrzte auf Wechselwirkungen mit Cannabis hin, da beide Substanzen die Magenentleerung verlangsamen und Beschwerden verstÀrken können.
