Graphic Medicine 2026: 192 Alzheimer-Studien und neue Hoffnung
25.05.2026 - 14:12:34 | boerse-global.deIhre Werke über Demenz und Verdingkinder verbinden hohe Kunst mit medizinischer Aufklärung.
„Vergiss dich nicht“: Wenn die Mutter ins Pflegeheim muss
Als Lika Nüsslis Mutter vor einigen Jahren in ein Demenz-Pflegeheim zog, veränderte sich ihre Beziehung radikal. Die Besuche wurden von quälendem Schweigen begleitet. Die Künstlerin griff zum Stift – und begann, während der Aufenthalte zu zeichnen.
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Aus diesen Skizzen entstand „Vergiss dich nicht“. Die Graphic Novel erschien im März 2026 in einer erweiterten Neuauflage beim Verlag Edition Moderne. Auf 168 Seiten dokumentiert Nüssli den Alltag in der Demenzabteilung. Keine klinische Fallstudie, sondern eine Parallelwelt.
Die Künstlerin zeigt eine Schicksalsgemeinschaft aus Bewohnern und Pflegekräften. Besonders beachtet sie die Perspektive des Personals mit Migrationshintergrund. Das Buch stellt grundlegende Fragen: Ist Heimat der Körper, der ort oder die gemeinsame Geschichte, die langsam erlischt?
Experten loben Nüsslis Zeichenstil. Die Bilder wechsel zwischen zart und leicht bis hin zu verdichtet und opulent – genau wie die inneren Zustände der Patienten.
„Starkes Ding“: Die Kindheit des Vaters als Verdingbub
Nüsslis zweite große Graphic Novel „Starkes Ding“ gewann 2023 einen Schweizer Literaturpreis. Das Werk erzählt von der Kindheit ihres Vaters Ernst, der im Toggenburg als Verdingbub arbeiten musste.
Die Recherche begann im Frühjahr 2020. Wegen der damaligen Reisebeschränkungen führte Nüssli intensive Telefongespräche mit ihrem im Altersheim lebenden Vater. Sie fragte nach Details: nach der Kleidung, nach konkreten Erlebnissen auf dem Bauernhof.
Das öffnete Türen zu verschütteten Erinnerungen. Nüssli nutzt einen surrealistischen, teils albtraumhaften Stil, um traumatische Erfahrungen darzustellen. Die gemeinsame Arbeit am Projekt veränderte ihren Vater: In seinen letzten Lebensjahren wirkte er weicher und gelöster.
Graphic Medicine: Warum Comics in der Medizin helfen
Die Wissenschaft bestätigt: Kreativität im Umgang mit chronischen Krankheiten wie Alzheimer wirkt transformativ. Eine Studie vom Juni 2023 in der Datenbank PubMed zeigt, dass Graphic Medicine die Menschlichkeit der Pflegeempfänger bewahrt. Sie tritt dem Bild der Demenz als „sozialem Tod“ entgegen.
Auch Humor rückt in den Fokus. Das Projekt „DEMENSCH“ von Cartoonist Peter Gaymann und Gerontologe Thomas Klie präsentierte im Oktober 2025 seinen 14. Kalender. Klie argumentiert: Humor helfe, sich dem zu stellen, was man nicht ändern könne. Zeichnungen schaffen Distanz und entlasten Angehörige.
Nüsslis Werk fängt genau das ein: nicht nur die Trauer über den Verlust, sondern auch die „aberwitzigen Situationen“ und „kurzen Glücksmomente“ im Heimalltag.
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Medizinischer Fortschritt 2026: Mehr Studien, mehr Hoffnung
Die Bedeutung empathischer Begleitung wächst mit der medizinischen Entwicklung. Ein globaler Überblick von Demenzforscher Dr. Jeffrey Cummings vom Mai 2026 zeigt: Weltweit laufen 192 klinische Studien zu neuen Alzheimer-Medikamenten. Das sind zehn mehr als 2025.
Wirkstoffe wie Lecanemab und Donanemab zielen darauf ab, die Ablagerung von Amyloid-Proteinen im Gehirn zu verlangsamen. Doch die emotionale und soziale Betreuung bleibt zentral.
Die Alzheimer Forschung Initiative betonte im Januar 2026: Neben Früherkennung durch KI-Modelle und Bluttests müsse die Lebensqualität im Fokus stehen. Schätzungen aus dem Spätherbst 2025 gehen von rund 57 Millionen Demenzkranken weltweit aus. Für dieses große Patientenkollektiv gewinnen nicht-pharmakologische Ansätze an Bedeutung.
Ausblick: Comics als Werkzeug in Pflege und Ausbildung
Forscher diskutieren im Frühjahr 2026 vermehrt über „Comic Research Abstracts“. Diese sollen komplexe medizinische Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Die visuelle Aufarbeitung von Krankheitsverläufen könnte künftig in der Ausbildung von Pflegekräften eingesetzt werden.
Lika Nüssli setzt mit ihrer Arbeit Maßstäbe. Ihre Graphic Novels klären einfühlsamer auf als manches Fachbuch. Die geplante Lesetournee und die Veranstaltungen rund um die Neuauflage von „Vergiss dich nicht“ im Sommer 2026 zeigen: Das Interesse an dieser Form der Krankheitsbewältigung wächst.
Die Graphic Medicine tritt aus der Nische – und wird zum festen Bestandteil der gesellschaftlichen Debatte über das Altern.
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