Herpesmittel, Demenz

Herpesmittel und Demenz: Meta-Analyse findet 23 Prozent niedrigeres Risiko

Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 16:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Behandelte Herpesinfizierte hatten ein geringeres Demenzrisiko; Beobachtungsdaten belegen jedoch keine Ursache-Wirkung-Beziehung.
Mikroskopische Aufnahme biologischer Strukturen in einem Laborumfeld zur Veranschaulichung der medizinischen Forschung. Illustration mit AI erstellt.

Die Frage nach den Auslösern neurodegenerativer Erkrankungen gewinnt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stetig an Bedeutung. Laut Daten des Global Burden of Disease lebten im Jahr 2019 weltweit rund 57,4 Millionen Menschen mit einer Demenz; bis 2050 wird ein Anstieg auf 152,8 Millionen Betroffene prognostiziert.

Eine umfassende Meta-Analyse im Journal of Alzheimer's Disease liefert nun wichtige Anhaltspunkte darĂŒber, wie gezielte antivirale Behandlungen gegen Herpesviren mit einem reduzierten Demenzrisiko zusammenhĂ€ngen.

Reduziertes Demenzrisiko durch antivirale Wirkstoffe

Die im Journal of Alzheimer's Disease veröffentlichte Meta-Analyse wertete 14 Kohortenstudien mit mehr als zehn Millionen Erwachsenen ab 50 Jahren aus, die zu Beginn keine Demenzdiagnose aufwiesen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Personen mit einer bestĂ€tigten Herpesinfektion, die eine antivirale Behandlung mit Wirkstoffen wie Acyclovir, Famciclovir, Ganciclovir, Valacyclovir oder Valganciclovir erhielten, ein um etwa 23 Prozent geringeres Demenzrisiko aufwiesen als infizierte Personen ohne entsprechende Medikation (bereinigte Hazard Ratio aHR 0,77; 95%-Konfidenzintervall 0,67–0,89).

Wurde die Gruppe der Behandelten mit Personen ohne Behandlung unabhĂ€ngig vom Infektionsstatus verglichen, lag das Demenzrisiko um rund zehn Prozent niedriger (aHR 0,90; 95%-Konfidenzintervall 0,87–0,94). Bei bestĂ€tigter Infektion mit Behandlung gegenĂŒber Nicht-Infizierten ohne Behandlung zeigte sich eine Risikoreduktion von rund 13 Prozent (aHR 0,87; 95%-Konfidenzintervall 0,78–0,97).

Wie die Autoren der Auswertung festhalten, erklÀrt die Schwere der Infektion 89,01 Prozent der HeterogenitÀt zwischen den einzelnen Studien. Zugleich weisen sie auf methodische Grenzen hin: Da es sich um Beobachtungsdaten handele, liege kein KausalitÀtsnachweis vor, und Aussagen zur optimalen Therapiedauer seien auf dieser Grundlage nicht möglich.

Erkenntnisse rund um GĂŒrtelrose-Impfungen

FrĂŒhere Untersuchungen bringen bereits die GĂŒrtelrose-Impfung mit einem um etwa 20 bis 30 Prozent verringerten Demenzrisiko in Verbindung. Das Varizella-Zoster-Virus (VZV) betrifft breite Bevölkerungsschichten: Mehr als 99 Prozent der Erwachsenen ab 50 Jahren weltweit hatten bereits Kontakt mit dem Erreger.

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In den USA erkrankt etwa einer von drei Menschen im Laufe seines Lebens an GĂŒrtelrose, wobei das Risiko ab dem 50. Lebensjahr stark zunimmt. Der Impfstoff Shingrix weist eine Wirksamkeit von 97 Prozent bei den 50- bis 69-JĂ€hrigen und rund 91 Prozent ab einem Alter von 70 Jahren auf.

Eine 2025 in Nature Medicine veröffentlichte Studie mit Gesundheitsdaten von ĂŒber 100 Millionen Menschen in den USA belegte nach Kontrolle von fast 400 Störfaktoren einen konsistenten Zusammenhang zwischen einer Reaktivierung des Virus und Demenz; wiederkehrende GĂŒrtelrose-Episoden gingen mit einem noch höheren Risiko einher.

Auswertungen der IDWeek 2025, die Daten von ĂŒber 174.000 Erwachsenen aus 107 US-Gesundheitssystemen analysierte, verzeichneten bei Geimpften im Vergleich zu anderen Vakzinen ein 50 Prozent geringeres Risiko fĂŒr vaskulĂ€re Demenz, 27 Prozent weniger Blutgerinnsel, 25 Prozent weniger Herzinfarkte oder SchlaganfĂ€lle sowie ein um 21 Prozent geringeres Sterberisiko.

Weitere Untersuchungen stĂŒtzen diese Beobachtungen: Eine Analyse aus Wales aus dem Jahr 2025 an mehr als 280.000 Personen im Alter von 70 bis 88 Jahren dokumentierte bei bereits an Demenz erkrankten Menschen zudem weniger krankheitsbedingte TodesfĂ€lle.

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Eine Untersuchung von NYU Langone und Veterans-Daten mit ĂŒber 370.000 Personen wies auf das Neutrophilen-Lymphozyten-VerhĂ€ltnis als potenziellen PrĂ€diktor hin. Im Jahr 2026 berichtete die Forscherin Svetlana Ukraintseva von der Duke University, dass Frauen mit der NECTIN2-Genvariante rs6859 (A) einen ausgeprĂ€gteren Impfschutz aufwiesen.

ZellulÀre Mechanismen und laufende Forschung

Auf zellulÀrer Ebene lieferten Forschende des Centro de Biología Molecular Severo Ochoa (CBM, CSIC/Universidad Autónoma de Madrid) und CIBERNED Erkenntnisse in 3D-NeuronensphÀroiden.

Im International Journal of Molecular Sciences beschrieben sie, dass eine Infektion mit dem Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1) in menschlichen Neuronen Àhnliche Schadensmuster wie bei Alzheimer auslöst, darunter eine vermehrte Ansammlung von Beta-Amyloid, atypische Modifikationen des Tau-Proteins sowie eine gestörte zellulÀre Reinigung.

JesĂșs Aldudo und MarĂ­a JesĂșs Bullido ordneten die Ergebnisse dahingehend ein, dass externe UmwelteinflĂŒsse neben genetischen Faktoren eine Rolle spielen dĂŒrften.

Die Autoren betonten jedoch, dass die im Labor modellierte akute Infektion nicht mit der jahrzehntelangen Latenz im menschlichen Organismus gleichzusetzen sei und keinen direkten Nachweis liefere, dass Lippenherpes Demenzerkrankungen ursÀchlich auslöst.

Um den Nachweis einer KausalitĂ€t ĂŒber reine Assoziationen hinaus zu erbringen, fĂŒhrt der Hersteller GSK in Großbritannien eine Untersuchung durch, die das britische Impfprogramm als natĂŒrliches Experiment nutzt.

Hintergrund ist eine Umstellung im Jahr 2023, durch die 65-JĂ€hrige Zugang zu Shingrix erhielten, wĂ€hrend 66-JĂ€hrige das Vakzin erst ab 70 Jahren erhalten; die Kohorte von rund 1,4 Millionen Menschen wird ĂŒber die NHS-Datenbank bis zum 70. Lebensjahr nachverfolgt.

Die Studie entsteht in Kooperation mit dem UK Dementia Research Institute sowie Health Data Research UK. Bei einer BestĂ€tigung der schĂŒtzenden Wirkung könnte eine Indikationserweiterung fĂŒr den Impfstoff angestrebt werden.

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