Herzinfarkt-PrÀvention: 99 Prozent der FÀlle wÀren vermeidbar
28.05.2026 - 14:48:48 | boerse-global.deGleich mehrere groĂe Studien aus dem Jahr 2026 zeigen: Nicht jeder Patient profitiert gleichermaĂen von den etablierten Therapien â und manche Eingriffe könnten sogar schaden.
Gebrechlichkeit als entscheidender Faktor
Eine aktuelle Auswertung der SENIOR-RITA-Studie, veröffentlicht im Fachblatt JAMA Network Open, liefert ĂŒberraschende Ergebnisse fĂŒr Ă€ltere Patienten. Bei gebrechlichen Senioren mit einem Nicht-ST-Strecken-Hebungsinfarkt (NSTEMI) brachte ein invasiver Eingriff keinen Vorteil gegenĂŒber einer rein medikamentösen Behandlung.
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Die Forscher stellten fest: Je gebrechlicher der Patient, desto geringer der Nutzen des Eingriffs. Bei stark eingeschrÀnkten Patienten stieg die Rate an Herzinfarkten oder kardiovaskulÀren TodesfÀllen nach einer Intervention sogar an. Die Botschaft ist klar: Das biologische Alter zÀhlt mehr als das kalendarische.
Beta-Blocker: Weniger ist manchmal mehr
Noch grundlegender sind die Erkenntnisse der REBOOT-Studie. Ăber 8.500 Patienten aus 109 KrankenhĂ€usern in Spanien und Italien wurden durchschnittlich vier Jahre lang beobachtet. Die Ergebnisse, prĂ€sentiert auf dem ESC-Kongress in Madrid und veröffentlicht im New England Journal of Medicine, stellen eine jahrzehntealte Praxis infrage.
Betroffen sind Patienten mit einem unkomplizierten Herzinfarkt und erhaltener Pumpfunktion. Bei ihnen senkten Beta-Blocker das Risiko fĂŒr Tod, erneuten Infarkt oder Krankenhausaufenthalte wegen HerzschwĂ€che nicht signifikant. Eine separate Analyse im European Heart Journal offenbarte sogar ein Risiko: Bei Frauen mit normaler Herzfunktion stieg die Sterblichkeit unter Beta-Blockern um 2,7 Prozent ĂŒber 3,7 Jahre.
Trotz dieser Daten erhalten noch immer ĂŒber 80 Prozent dieser Patienten die Medikamente. Ein Paradebeispiel dafĂŒr, wie schwer sich medizinische Praxis von etablierten Standards löst.
Deutschland: Weniger Infarkte, aber groĂe regionale Unterschiede
Die Krankenkasse AOK WIdO verzeichnete 2024 rund 185.400 stationĂ€re Herzinfarkte in Deutschland â das sind 320 FĂ€lle pro 100.000 Einwohner ab 30 Jahren. Ein RĂŒckgang um 18 Prozent seit 2017.
Doch der bundesweite Trend tĂ€uscht. Im Landkreis Ludwigsburg stieg die Rate auf 380 FĂ€lle pro 100.000 â ein Plus von 5,6 Prozent. Besonders extrem sind die Unterschiede zwischen den Regionen: Der Kreis Vulkaneifel verzeichnet mit 630 FĂ€llen die höchste Rate, Rosenheim mit 190 die niedrigste. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vielschichtig â von Altersstruktur ĂŒber Lebensstil bis zur medizinischen Versorgung.
Neue Waffen gegen Herzinfarkte
WĂ€hrend alte Therapien auf dem PrĂŒfstand stehen, zeichnen sich neue ab. GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid und Tirzepatid senken nicht nur das Gewicht um 10 bis 20 Prozent innerhalb eines Jahres. Sie schĂŒtzen nachweislich vor Herzinfarkt, Schlaganfall und vorzeitigem Tod â vor allem bei Typ-2-Diabetikern. Prof. Schunkert vom Deutschen Herzzentrum MĂŒnchen und Dr. KrĂŒger bestĂ€tigten Anfang 2026: Die Wirkung geht ĂŒber die Gewichtsreduktion hinaus, EntzĂŒndungshemmung und direkte GefĂ€Ăeffekte spielen eine Rolle.
Noch futuristischer klingt die Gentherapie VERVE-102 von Eli Lilly. Eine einzige Infusion senkte das LDL-Cholesterin bei Patienten mit erblich bedingtem hohem Cholesterinspiegel oder nach Herzinfarkt um bis zu 62 Prozent ĂŒber 18 Monate. Die Phase-1-Studie wurde auf dem EAS-Kongress in Athen vorgestellt.
PrÀvention: Der entscheidende Hebel
Eine Metaanalyse von Lee et al. aus dem Jahr 2025 im Journal of the American College of Cardiology mit Millionen von Teilnehmern liefert den vielleicht wichtigsten Befund: In 99 Prozent der FĂ€lle von koronarer Herzkrankheit oder Schlaganfall lieĂ sich vor dem Ereignis mindestens ein nicht-optimaler Risikofaktor nachweisen â erhöhter Blutdruck, Cholesterin oder Blutzucker. Hoher Blutdruck war der hĂ€ufigste.
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Die Botschaft ist ernĂŒchternd und hoffnungsvoll zugleich: Die meisten Herzinfarkte wĂ€ren vermeidbar. Die Frage ist nur, ob die Medizin und die Gesellschaft bereit sind, die Konsequenzen zu ziehen.
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