Herzinfarkt-Risiko: KI erkennt Warnsignale im EKG mit 90% Genauigkeit
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 18:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und großangelegte Datenanalysen liefern neue Erkenntnisse darüber, wie chronische Entzündungsprozesse und technologische Innovationen die kardiologische Diagnostik beeinflussen. Im Zentrum steht dabei die Identifikation von Risikofaktoren, die weit vor den ersten klinischen Symptomen einer Herzerkrankung auftreten.
Chronische Entzündungen verändern die Herzstruktur
Eine umfassende Analyse der UK-Biobank unter der Leitung von Professor Declan O'Regan vom MRC LMS zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen chronischen Entzündungen und strukturellen Veränderungen des Herzens auf. Die Forscher untersuchten hierfür die Daten von 488.079 Teilnehmern, bei denen der Entzündungsmarker GlycA gemessen wurde. Bei einer Untergruppe von 70.809 Personen lagen zudem Herz-MRT-Aufnahmen und EKG-Daten vor.
Die Ergebnisse belegen, dass höhere GlycA-Werte mit kleineren Herzkammern, einem geringeren Schlagvolumen und dickeren Herzwänden korrelieren. Über einen mittleren Nachbeobachtungszeitraum von 15,3 Jahren wurde bei 74.336 Teilnehmern ein primärer Endpunkt wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz registriert. Dabei wies das Fünftel der Probanden mit den höchsten GlycA-Werten eine adjustierte Hazard Ratio von 1,43 im Vergleich zum niedrigsten Fünftel auf.
Zudem identifizierte die Studie verschiedene Faktoren des Exposoms, die mit erhöhten GlycA-Werten assoziiert sind. Dazu zählen die Körperfettverteilung, Rauchen, psychische Belastungen sowie ein niedriger sozioökonomischer Status.
Ein IL-1-Rezeptorantagonist vermittelte laut der in der Fachzeitschrift European Journal of Preventive Cardiology veröffentlichten Untersuchung etwa 27 % des Zusammenhangs zwischen dem Entzündungsmarker und dem enddiastolischen Volumen der linken Herzkammer.
Künstliche Intelligenz als Screening-Werkzeug im EKG
Parallel zur Entzündungsforschung gewinnt der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) in der Diagnostik an Bedeutung. Eine italienisch geführte Studie, die im European Heart Journal – Quality of Care and Clinical Outcomes veröffentlicht wurde, demonstriert, wie KI-Modelle subtile Signale in herkömmlichen EKGs auslesen können.
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Das System wurde mit 84.895 EKGs trainiert, um erhöhte NT-proBNP-Werte zu erkennen, und erreichte in Tests mit Patienten in Cosenza und Triest eine Genauigkeit von rund 90 %. Da in Italien über eine Million Menschen von Herzinsuffizienz betroffen sind, könnte dieses Verfahren als effektiver Screening-Filter dienen.
Ein ähnlicher Ansatz wird von Scripps Research verfolgt. Das dort entwickelte Modell ECG-CLIP wurde auf Basis von mehr als 1,7 Millionen EKG-Aufzeichnungen von über 540.000 Personen trainiert.
Die Technologie ermöglicht die Erkennung von Herzinfarkten sowie selteneren Erkrankungen wie der kardialen Amyloidose mit deutlich reduziertem Bedarf an manuell annotierten Daten. Zudem zeigten Analysen, dass das Modell in der Lage ist, das Risiko für Vorhofflimmern sowie chronische Nierenerkrankungen über Zeiträume von drei Jahren vorauszusagen.
Die Interaktion von Nieren- und Herzgesundheit
Ein weiterer Schwerpunkt der aktuellen Forschung liegt auf der wechselseitigen Belastung von Herz und Nieren. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Würzburg und des Max-Delbrück-Centrums (MDC) stellten fest, dass ein Oxalsäure-Überschuss bei Nierenfunktionsstörungen Entzündungsprozesse auslöst, die über das Interleukin-17A (IL-17A) das Herz schädigen. In entsprechenden Modellen führte die Blockade von IL-17A zu einer verbesserten Nierenfunktion und signifikant reduzierten Herzschäden.
Experten der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) weisen darauf hin, dass etwa 50 % der Menschen mit Herzschwäche auch an einer oft unentdeckten chronischen Nierenkrankheit (CKD) leiden. Weltweit sind laut Schätzungen der WHO zwischen 788 und 850 Millionen Menschen von CKD betroffen.
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Die Fachgesellschaft empfiehlt daher, nicht nur den Kreatininwert zu betrachten, sondern zusätzlich die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) und den Albumin-Kreatinin-Quotienten im Urin zu bestimmen.
Präventive Faktoren und diagnostische Basiswerte
Ergänzend zu den klinischen Markern rückt die allgemeine Prävention in den Fokus. Eine prospektive Kohortenstudie mit fast 6.000 Probanden über einen Zeitraum von 21 Jahren verdeutlicht den Einfluss der Zahngesundheit auf das Herz-Kreislauf-System.
Während das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall bei guter Zahngesundheit bei 4,2 % lag, stieg es bei Vorliegen einer Parodontitis auf 6,9 % und bei einer Kombination aus Parodontitis und Karies auf 10 %.
Trotz der neuen technologischen Möglichkeiten bleibt das klassische EKG ein wichtiges Instrument. Laut Angaben des RKI und der Herzstiftung schließt ein unauffälliges EKG eine Herzschwäche mit stark reduzierter Pumpleistung zu über 99 % aus.
Dennoch können bestimmte Formen der Herzinsuffizienz, wie die HFpEF (Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion), im EKG oft unauffällig bleiben, weshalb die Echokardiographie weiterhin als Goldstandard der Diagnose gilt.
