Herzinsuffizienz, Adipositas

Herzinsuffizienz: 96 Prozent zeigen zentrale Adipositas statt nur Übergewicht

Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 14:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien verknüpfen zentrale Adipositas und Entzündungsmarker mit Herzrisiken; ein EU-Konsortium entwickelt zelluläre Ansätze.

Herzinsuffizienz: Bauchfett, Entzündung und neue Therapieansätze
Nahaufnahme von menschlichem Muskelgewebe und Bindegewebe in einer klinischen Umgebung zur Veranschaulichung biologischer Prozesse. Illustration mit AI erstellt.

Mediziner betonen zunehmend, dass eine Herzinsuffizienz nicht isoliert betrachtet werden kann: Sie geht vielfach mit systemischen, niedriggradigen Entzündungsprozessen und Stoffwechselstörungen einher, die das Risiko für weitere schwerwiegende Erkrankungen deutlich erhöhen können.

Weltweit verzeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich 17,9 Millionen Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen beleuchten nun die komplexen Wechselwirkungen zwischen Lebensstil, Gewebeveränderungen und molekularen Entzündungswegen.

Stress, Fettgewebe und funktioneller Muskelverlust

Chronischer Stress sowie ein ungesunder Lebensstil können entzündliche Reaktionen begünstigen, die den Herzmuskel schädigen und kardiovaskuläre Leiden vorantreiben, wobei die individuelle Anfälligkeit auch von genetischen Faktoren mitgeprägt wird. Eine im European Journal of Preventive Cardiology (2026; DOI: 10.1093/eurjpc/zwag435) veröffentlichte Untersuchung stützt diesen Zusammenhang auf Basis von Daten der UK Biobank.

Gleichzeitig stellt Adipositas eine chronische, multifaktorielle Erkrankung dar. Bewegungsmangel, Entzündung, Insulinresistenz, Fitnessverlust und Muskelabbau greifen ineinander und bilden einen oft schwer zu durchbrechenden Kreislauf. Zudem wirken hormonelle, emotionale, soziale und umweltbedingte Faktoren sowie Schlaf und Genetik auf dieses Geschehen ein.

Besondere Bedeutung kommt dem viszeralen Fett zu: Dieses kann metabolisch verändert proinflammatorische Zytokine sowie Adipokine freisetzen, was unter anderem den Knorpelabbau beschleunigen, Arthrose verschlimmern und Sehnenleiden begünstigen kann.

Anzeige

Chronische Entzündungen und Stoffwechselstörungen sind oft die unsichtbaren Treiber hinter Herzbeschwerden und Gelenkschmerzen. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie mit der richtigen Ernährung gezielt gegensteuern und Entzündungen im Körper natürlich lindern können. Die 12 stärksten natürlichen Entzündungs-Killer entdecken

Tritt neben dem Fettüberschuss ein Schwund an Muskelmasse und -funktion auf, sprechen Fachleute von sarkopenischer Adipositas, deren Leitsymptome ein spürbarer Verlust an Kraft, Mobilität und Selbstständigkeit sind.

Eine strukturierte Steigerung von Aktivitäten wie Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Krafttraining kann diesen Zyklus unterbrechen. Bei Vorerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Schlafapnoe oder starken Schmerzen wird vorab jedoch ärztlicher Rat empfohlen.

Anzeige

Der natürliche Verlust an Muskelmasse kann im Zusammenspiel mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Mobilität im Alltag massiv einschränken. Ein Experte erklärt in diesem kostenlosen Leitfaden, wie Sie mit nur sechs einfachen Übungen für zuhause Ihre Kraft erhalten und wichtigen Volkskrankheiten vorbeugen. Kostenlosen PDF-Ratgeber für Krafttraining ab 50 sichern

Aussagekraft der zentralen Adipositas bei HFpEF

Eine im European Heart Journal (46(25):2372) publizierte Analyse der Medizinischen Universität Graz unter Leitung von Alexander Peikert untersuchte 4.796 Personen mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF) aus der PARAGON-HF-Studie.

Während nach dem Body-Mass-Index (BMI) 49 Prozent der Teilnehmenden als adipös eingestuft wurden, wiesen nach dem Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße (Waist-to-Height Ratio, WHtR) 96 Prozent eine zentrale Adipositas auf. Bei den nach herkömmlichem BMI nicht adipösen Probanden wiesen dennoch 37 Prozent ein ausgeprägtes Bauchfett auf.

Die WHtR zeigte einen robusteren Zusammenhang mit herzinsuffizienzbedingten Hospitalisierungen als der BMI; ein sogenanntes Adipositas-Paradoxon trat bei Verwendung der WHtR nicht auf. Die Arbeit wurde mit dem Desmond Julian Award ausgezeichnet.

Molekulare Marker und zelluläre Therapieansätze

Auf molekularer Ebene rücken Lipoproteine und Entzündungsmediatoren in den Fokus. Forschende der Chalmers University untersuchten im European Heart Journal Proteinstrukturen bei 35.269 Personen aus der UK Biobank sowie in einer Validierungskohorte der Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis mit 5.915 Teilnehmenden. Analysiert wurden 2.918 Blutproteine und 1.599 Ereignisse der koronaren Herzkrankheit (KHK).

Ein höherer Proteinwert triglyceridreicher Lipoproteine (TRL) war mit einer Hazard Ratio (HR) von 1,16 pro Standardabweichung verbunden, Lipoprotein(a) mit einer HR von 1,09, während LDL mit einer HR von 0,95 keinen signifikanten Zusammenhang zeigte. TRL und Lp(a) teilten 36 Proteine, die an Entzündungen und dem Gefäßumbau beteiligt sind.

Zudem zeigte eine Kohortenstudie mit 224 Patienten über einen Beobachtungszeitraum von median 58 Monaten, dass 37 Erkrankte (16,5 Prozent) den kombinierten Endpunkt aus Gesamtmortalität oder erneuter Herzinsuffizienz-Hospitalisierung erreichten.

Die Baseline-Werte des Entzündungsmarkers HMGB1 lagen bei Personen mit Ereignis bei 8,76 ± 3,18 µg/L gegenüber 5,99 ± 1,86 µg/L in der Vergleichsgruppe. Nach Adjustierung für NT-proBNP, Alter und Geschlecht betrug die Hazard Ratio 1,399 pro 1 µg/L HMGB1. Der optimismus-korrigierte Cox-C-Index lag bei 0,828; die Forschenden betonen jedoch den explorativen Charakter der Daten.

Neue Wege zur Kontrolle kardiovaskulärer Entzündungen verfolgt das von Dr. Maik Luu koordinierte europäische Konsortium CARDIO unter Leitung des Universitätsklinikums Würzburg. Das Vorhaben wird mit rund 7 Millionen Euro über das Programm Horizon Europe gefördert, wovon rund 2,8 Millionen Euro an den Standort Würzburg gehen.

Gemeinsam mit Partnern wie dem CNIC Madrid, dem CeMM und der BOKU Wien sowie der DKMS arbeiten die Forscher an Off-the-Shelf-CAR-Treg-Zelltherapien von gesunden Spendern, um Entzündungen nach einem Herzinfarkt einzudämmen und atherosklerotische Plaques gezielt zu regulieren.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70324452 |