Herzinsuffizienz, Vierfachtherapie

Herzinsuffizienz: Vierfachtherapie hebt 3-Jahres-Überleben auf 76 Prozent

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 20:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Vierfachtherapie erreicht 2026 mehr Patienten, doch 79 Prozent erhalten sie weiterhin nicht vollständig; neue ESC-Leitlinien erweitern Vorgaben.
Ein heller, minimalistischer Krankenhausflur in einer modernen medizinischen Einrichtung ohne Personen. Illustration mit AI erstellt.

Die Behandlung von Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz bleibt trotz evidenzbasierter Therapiestandards hinter den medizinischen Möglichkeiten zurück. Wie der Benchmark-Report 2026 des Datenanalyseunternehmens egnite verdeutlicht, besteht weiterhin eine erhebliche Diskrepanz zwischen der leitliniengerechten medikamentösen Versorgung und dem tatsächlichen klinischen Alltag.

Fortschritte und Defizite in den Behandlungsdaten

Der Bericht von egnite stützt sich auf eine breite Datenbasis aus 47 US-Gesundheitssystemen mit 830 Einrichtungen, die ein Register von 15,7 Millionen Patienten und sechs Millionen Echokardiografie-Befunden umfasst.

Die Erhebung dokumentiert zwar Verbesserungen bei der Verordnung der empfohlenen Vierfach-Kombinationstherapie (GDMT): Im Jahr 2026 erhielten 21 Prozent der Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz alle vier Substanzklassen, verglichen mit 9 Prozent im Jahr 2023. Der Anteil der Patienten mit mindestens drei Substanzklassen stieg im selben Zeitraum von 31 auf 46 Prozent.

Gleichzeitig erhalten jedoch 79 Prozent der Betroffenen keine vollständige Vierfachtherapie. Dokumentierte Kontraindikationen für diese Medikamente liegen laut CHAMP-HF-Daten bei unter 2 Prozent.

Die Konsequenzen für die Prognose sind gravierend: Eine Analyse von über 650.000 Patienten zeigt ein 3-Jahres-Überleben von 76 Prozent unter der vollen Vierfachtherapie gegenüber 52 Prozent ohne diese Medikation, was einem Unterschied von 24 Prozentpunkten entspricht.

Zudem wurden lediglich 20 Prozent der Patienten mit mindestens zwei Hospitalisierungen pro Jahr von einem ausgewiesenen Herzinsuffizienz-Spezialisten betreut. Bei schwerer Trikuspidalinsuffizienz wurden lediglich 7 Prozent der geeigneten symptomatischen Patienten interventionell versorgt, nach 6 Prozent im Jahr 2023.

Aktualisierte Vorgaben der europäischen Leitlinien

Neue Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC), die im European Heart Journal publiziert und auf dem ESC-Kongress 2026 vorgestellt wurden, zielen darauf ab, die Versorgung für alle Patienten mit symptomatischer Herzinsuffizienz auszuweiten. Die Erkrankung betrifft 1 bis 3 Prozent der Erwachsenen; weniger als 60 Prozent der Betroffenen sind fünf Jahre nach der Diagnosestellung noch am Leben.

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Die ESC vereinfachte die Klassifikation nach linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF): Künftig wird nur noch zwischen HFrEF (unter 50 Prozent) und HFpEF (mindestens 50 Prozent) unterschieden, während die bisherige Zwischenkategorie HFmrEF (41 bis 49 Prozent) entfällt. Die Bezeichnung akut wird durch dekompensiert ersetzt.

Zudem wurden neue Therapiekategorien eingeführt: die basale medikamentöse Therapie, die zusätzliche medikamentöse Therapie sowie die leitliniengerechte interventionelle Therapie. Mineralkortikoid-Rezeptor-Antagonisten erhielten eine Klasse-I-Empfehlung unabhängig von der LVEF.

Für Semaglutid und Tirzepatid bei HFpEF in Verbindung mit Adipositas wurde eine Klasse-IIa-Empfehlung ausgesprochen. Weitere Aufwertungen betreffen Digoxin und Digitoxin, mechanische Kreislaufunterstützungssysteme sowie die Transkatheter-Edge-to-Edge-Reparatur (TEER) der Mitralklappe.

Herausforderungen im internationalen Vergleich

Die Diskrepanz zwischen stationärer Maximalversorgung und ambulanter Weiterbehandlung zeigt sich auch in europäischen Gesundheitssystemen. Für Italien bezeichnete Massimo Grimaldi, Präsident der kardiologischen Fachgesellschaft Anmco, die Herzinsuffizienz als klinische Epidemie.

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Dort sind etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung betroffen, was geschätzten 800.000 bis 900.000 Fällen entspricht. Während die Anmco-Studie „Bring-up Scompenso“ belegt, dass kardiologische Krankenhausabteilungen im Land die vier Basismedikamente meist leitliniengerecht und in Zieldosen bereitstellen, reißt dieser Versorgungsstandard im ambulanten Sektor oft ab.

Grimaldi forderte kontinuierliche Strukturen wie multidisziplinäre Zentren und kritisierte das Fehlen kostenloser Screenings, obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger und tödlicher verliefen als Krebserkrankungen.

Noch gravierender fällt die Versorgungslücke bei mangelnden Ressourcen aus. Aus Kasachstan berichtete Schulsys Danbajewa vor dem Kurultai, dass Anfang 2026 rund 1,9 Millionen Patienten (14,4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung) wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter Beobachtung standen, darunter 114.000 Neudiagnosen.

Patienten seien in der ambulanten Versorgung nur zu 40 bis 50 Prozent mit Medikamenten versorgt, die lieferbedingt nur acht bis zehn Monate im Jahr verfügbar seien.

Bei einem Bedarf von 4.014 Fachkräften arbeiteten lediglich 661 Spezialisten im Land, bei einem Ausrüstungsverschleiß von rund 40 Prozent. Danbajewa plädiert daher unter anderem für spezialisierte Diagnostikzentren pro 150.000 Einwohner sowie den Einsatz von Telemonitoring und künstlicher Intelligenz.

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