HNO-Direktzugang, Patienten

HNO-Direktzugang: 88 Prozent der Patienten kommen ohne Überweisung

Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 21:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

BVHNO und DGHNO-KHC wollen den unmittelbaren HNO-Zugang bewahren und verweisen auf spezialisierte Diagnostik sowie chronische Beschwerden.

HNO-Direktzugang: Fachverbände wenden sich gegen Überweisungspflicht
Ein minimalistisch eingerichtetes, helles Behandlungszimmer in einer HNO-Fachpraxis mit medizinischen Instrumenten. Illustration mit AI erstellt.

Mit der Diskussion um ein künftiges Primärarztsystem in Deutschland rückt eine Frage in den Fokus, die für ältere und hörgeschädigte Patienten von besonderer Bedeutung ist: Soll der direkte Zugang zur HNO-Heilkunde erhalten bleiben, oder müssen Patienten künftig zunächst eine Hausärztin oder einen Hausarzt konsultieren, bevor sie an Fachpraxen überwiesen werden?

Der Bundesverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO) und die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC) haben dazu ein Positionspapier vorgelegt, das den bisherigen Direktzugang verteidigt.

Bestehende Praxis als Argument

Zentraler Baustein der Argumentation ist der Verweis auf die aktuelle Versorgungsrealität. BVHNO-Präsident Prof. Dr. Jan Löhler führt an, dass bereits heute rund 88 Prozent aller HNO-Behandlungsfälle die Praxen ohne vorherige Überweisung erreichen.

Aus Sicht der Verbände zeigt dies, dass Patienten den direkten Weg in die Facharztpraxis in der Regel selbst richtig einschätzen und ein vorgeschalteter Hausarztbesuch in den meisten Fällen keinen zusätzlichen medizinischen Nutzen bringen würde.

Was Patienten tatsächlich in die Praxen führt

Um das Spektrum der HNO-Versorgung genauer zu beleuchten, ziehen die Verbände eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) heran, die rund 22,4 Millionen HNO-Behandlungsfälle aus dem Jahr 2025 umfasst.

Demnach entfallen 37,7 Prozent der Fälle auf einen Zeruminalpfropf, 11,9 Prozent auf Schallempfindungsschwerhörigkeit und 10,2 Prozent auf die Anpassung oder Kontrolle von Hörgeräten. Weitere 6,7 Prozent betreffen Tinnitus, während lediglich rund 5,9 Prozent auf einen banalen Infekt entfallen.

Diese Verteilung ist für die Argumentation der Verbände zentral: Der überwiegende Teil der Behandlungsanlässe sind demnach chronische oder altersbedingte Beschwerden, die eine spezialisierte fachärztliche Diagnostik erfordern, und keine einfachen Infekte, die typischerweise auch hausärztlich abgeklärt werden könnten.

Gerade für ältere Patienten mit Hörminderung, Ohrenschmalzproblemen oder Tinnitus sehen BVHNO und DGHNO-KHC im Wegfall des Direktzugangs daher ein Risiko für Versorgungsverzögerungen.

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Spezialisierte Diagnostik als Argument gegen Umwege

Ergänzend verweisen die Verbände auf KBV-Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2024, wonach mehr als 23 Millionen spezialisierte Einzelleistungen in der HNO-Heilkunde erbracht wurden, darunter rund 5,96 Millionen Lupenlaryngoskopien und 3,61 Millionen Tonschwellenaudiometrien.

Diese Untersuchungstechniken erfordern nach Darstellung der Verbände eine fachärztliche Ausstattung und Expertise, die im hausärztlichen Bereich nicht vorgehalten wird. Ein zusätzlicher Zwischenschritt über eine hausärztliche Überweisung würde aus ihrer Sicht in vielen Fällen lediglich Zeit kosten, ohne die Diagnostik zu verbessern.

Blick nach Dänemark

Als internationalen Referenzpunkt führen BVHNO und DGHNO-KHC Dänemark an. Dort besteht zwar ein striktes Primärarztsystem, die HNO-Heilkunde ist jedoch ausdrücklich von der Überweisungspflicht ausgenommen.

Die Verbände werten dies als Beleg dafür, dass ein Primärarztsystem und der direkte Zugang zu bestimmten Facharztgruppen nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinanderstehen müssen, sondern sich gezielte Ausnahmen für Fachgebiete mit hohem Anteil chronischer und spezialisierter Behandlungsfälle etablieren lassen.

Bedeutung für die Versorgung

Mit ihrem Positionspapier positionieren sich BVHNO und DGHNO-KHC deutlich in der laufenden gesundheitspolitischen Debatte über die Ausgestaltung eines möglichen Primärarztsystems in Deutschland.

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Für Patienten, insbesondere ältere Menschen mit altersbedingten Hörproblemen, Tinnitus oder wiederkehrenden Ohrenschmalzproblemen, hätte die Einführung einer Überweisungspflicht praktische Konsequenzen für den Zugang zur fachärztlichen Versorgung.

Wie die politische Diskussion um das Primärarztsystem insgesamt weitergeht und ob Ausnahmen für einzelne Facharztgruppen berücksichtigt werden, bleibt abzuwarten.

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