HörgerÀte und Hörtraining: Warum 34 Prozent die Versorgung ohne Reha abbrechen
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 14:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deModerne HörgerĂ€te verstĂ€rken Töne zuverlĂ€ssig, doch viele Betroffene stoĂen im Alltag weiterhin an Grenzen: Sie nehmen GerĂ€usche zwar lauter wahr, können das Gesprochene jedoch trotzdem nur mĂŒhsam entschlĂŒsseln. An dieser Schnittstelle setzt die gezielte Hörtherapie an.
In Weil der Stadt trainiert beispielsweise die Hörtherapeutin Karina Tschierschke mit Ratsuchenden, Sprache und akustische Signale wieder strukturiert im Gehirn zu verarbeiten, anstatt lediglich die LautstÀrke zu erhöhen.
Fachleute betonen, dass eine HörgerĂ€teversorgung lediglich den Beginn und nicht den Endpunkt einer erfolgreichen Hörrehabilitation darstellt. Ăber 60 Prozent der TrĂ€ger von Hörsystemen zeigen sich anfangs enttĂ€uscht. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Abbruchrate ohne eine begleitende, systematische Rehabilitation bei 34 Prozent.
Hörentwöhnung im Gehirn und Phasen der Rehabilitation
Ein altersbedingter Hörverlust verlĂ€uft in der Regel schleichend. Weil leise NebengerĂ€usche ĂŒber lĂ€ngere Zeit unbemerberkt verloren gehen, wird das Hörzentrum im Gehirn zunehmend weniger stimuliert. Die Folge ist eine sogenannte Hörentwöhnung.
Eberhard Schmidt, PrĂ€sident der Bundesinnung der Hörakustiker (biha), unterstreicht in diesem Zusammenhang, dass das Gehirn Gehörtes umso leichter entschlĂŒsseln könne, je frĂŒher eine Schwerhörigkeit ausgeglichen werde.
Entscheidend sei dabei das tatsĂ€chliche Hörverstehen und nicht allein die LautstĂ€rke. In Deutschland versorgen rund 20.000 Hörakustiker in ĂŒber 7.500 FachgeschĂ€ften etwa 3,7 Millionen Menschen mit digitalen Hörsystemen.
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Die auditorische Rehabilitation gliedert sich typischerweise in mehrere Abschnitte:
- Phase 1 (Hörweckung, 1 bis 3 Monate): Durch die vorangegangene auditorische Deprivation wirken UmgebungsgerÀusche anfangs oft verzerrt, Sprache dumpf und die eigene Stimme hallend.
Das Nervensystem benötigt vier bis zwölf Wochen fĂŒr die neuronale Neuvernetzung. Als Zielmarke gilt eine SprachverstĂ€ndlichkeit von ĂŒber 50 Prozent.
- Phase 2 (NeuroplastizitÀt, 3 bis 6 Monate): In dieser Phase tritt hÀufig das PhÀnomen auf, zwar zu hören, aber Gesagtes noch nicht sicher zu verstehen, besonders bei LÀrm und GruppengesprÀchen.
Angestrebt wird eine SprachverstĂ€ndlichkeit im Störschall von ĂŒber 70 Prozent.
- Phase 3 (soziale RĂŒckkehr, 6 bis 12 Monate): Hierbei festigt sich das Verstehen bei Familienfeiern, Telefonaten und im öffentlichen Raum. Laut einer Untersuchung der University of California steigt die soziale Teilhabe in diesem Verlauf um den Faktor 3,2.
Unbehandelter Hörverlust gilt heute als einer der gröĂten vermeidbaren Risikofaktoren fĂŒr kognitive EinschrĂ€nkungen im Alter. Erfahren Sie in diesem kostenlosen PDF-Report, wie Sie ohne zusĂ€tzliche Technik Ihre Hörverarbeitung stĂ€rken und aktiv vorbeugen können. Kostenlosen Report zur StĂ€rkung der Hörverarbeitung herunterladen
Grenzen der Technik und unterstĂŒtzendes Training
Die altersbedingte Schwerhörigkeit (Presbyakusis) betrifft gewöhnlich zuerst die hohen Frequenzen. Dadurch gehen Konsonanten wie s, f oder t akustisch verloren, wÀhrend Vokale die meiste Schallenergie behalten.
Ein bloĂes Lauterdrehen verstĂ€rkt vor allem Vokale sowie tiefe Töne und verbessert das Verstehen nicht. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024, die sechs Studien umfasst, belegt, dass HörgerĂ€te das Wortverstehen in Ruhe und LĂ€rm zwar verbessern, das SprachverstĂ€ndnis jedoch nicht vollstĂ€ndig wiederherstellen können.
Zwar analysieren intelligente Systeme die Klangumgebung kontinuierlich und heben Sprache ĂŒber Richtmikrofone sowie KI-basierte Mustererkennung hervor. Laute und hallige RĂ€ume bleiben jedoch fordernd.
Um die kognitiven FĂ€higkeiten bei der Hörverarbeitung zu stĂ€rken, bietet beispielsweise der Deutsche Schwerhörigenbund e.V. (DSB) sein fĂŒnftes und letztes Webinar fĂŒr 2026 zum Thema Hörtraining, kognitive Aspekte und Altern an, fĂŒr das Anmeldungen bis zum 17. November 2026 möglich sind. Der Verband beleuchtet dabei auch den Zusammenhang von unbehandelter Schwerhörigkeit, sozialer Isolation und kognitiven EinbuĂen.
