HĂĽftfraktur: Sturzangst vor OP sagt Sterberisiko voraus
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Hüftfraktur gilt seit jeher als einer der gefährlichsten Wendepunkte im Leben alter Menschen. Eine Studie legt nun nahe, dass ein psychologischer Faktor – die Angst vor einem erneuten Sturz – bereits vor der Operation Hinweise auf das spätere Sterberisiko liefern kann.
Sturzangst vor der Operation als Prognosefaktor
Grundlage der Erkenntnisse ist eine prospektive Kohortenstudie mit 1.092 Patienten ab 65 Jahren, die am Beijing Jishuitan Hospital zwischen November 2018 und November 2019 rekrutiert und anschließend bis zu drei Jahre nachbeobachtet wurden. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift European Geriatric Medicine veröffentlicht.
Im Zentrum der Untersuchung stand die sogenannte mFES-Skala, ein Instrument zur Messung sturzbezogener Angst mit einem Wertebereich von 0 bis 10, wobei niedrigere Werte eine stärkere Angst anzeigen. Der Median in der untersuchten Patientengruppe lag bei 8,04 (Interquartilsabstand 5,75–10,00).
Deutlicher Zusammenhang mit Kurz- und Langzeitmortalität
Die statistische Auswertung zeigte, dass jeder zusätzliche Punkt auf der mFES-Skala – also ein Rückgang der Sturzangst – mit einer adjustierten Odds Ratio von 0,780 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,625–0,974) für die 30-Tage-Mortalität verbunden war. Das entspricht einer Risikoreduktion von 22 Prozent pro Skalenpunkt.
Auch über einen längeren Zeitraum blieb der Effekt nachweisbar: Für die 3-Jahres-Mortalität ergab sich eine adjustierte Hazard Ratio von 0,925, was einer Risikoreduktion von rund 7,5 Prozent pro Punkt entspricht.
Die Autoren ordnen diesen Befund vor dem Hintergrund ein, dass die 1-Jahres-Mortalität nach einer Hüftfraktur bei älteren Menschen ohnehin bei 20 bis 30 Prozent liegt – ein Wert, der die besondere Vulnerabilität dieser Patientengruppe unterstreicht.
Die Angst vor einem erneuten Sturz lässt sich mit einem kurzen Fragebogen erfassen — und sie liefert schon vor der Operation Hinweise auf das spätere Sterberisiko. Unser Leitfaden zeigt in drei Schritten, wie Sie die Sturzangst strukturiert erheben und daraus einen Betreuungsplan ableiten. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Die Nachbeobachtung erfolgte zu mehreren Zeitpunkten: 1.084 Patienten wurden nach 30 Tagen erfasst, 1.074 nach 120 Tagen, 1.062 nach einem Jahr und noch 879 nach drei Jahren.
Bedeutung fĂĽr die klinische Praxis
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die präoperative psychische Verfassung von Patienten – konkret die Furcht vor einem erneuten Sturz – als zusätzlicher Baustein in die Risikoeinschätzung vor Hüftoperationen einfließen könnte.
Anders als klassische Risikofaktoren wie Vorerkrankungen oder Laborwerte lässt sich die Sturzangst über standardisierte Fragebögen wie die mFES-Skala vergleichsweise einfach und ohne zusätzlichen technischen Aufwand erheben.
Für die geriatrische Versorgung könnte dies bedeuten, dass eine frühzeitige psychologische Einschätzung – etwa im Rahmen der präoperativen Vorbereitung – zusätzliche Hinweise darauf liefert, welche Patienten eine besonders engmaschige Betreuung nach dem Eingriff benötigen.
Die Studie liefert damit einen Ansatzpunkt, um bestehende Prognosemodelle für ältere Hüftfraktur-Patienten um eine leicht erhebbare, aber offenbar aussagekräftige Dimension zu erweitern.
Zwischen Aufnahme und Operation bleibt oft wenig Zeit — und die psychische Verfassung der Patienten fällt dabei häufig durchs Raster. Wer die Sturzangst vor dem Eingriff nicht erfasst, verpasst einen Hinweis darauf, welche Patienten nach der OP besonders engmaschig begleitet werden sollten. Präoperative Risikoeinschätzung jetzt absichern
Ob sich aus den Beobachtungsdaten auch konkrete Interventionen ableiten lassen – etwa gezielte Maßnahmen zum Abbau von Sturzangst vor der Operation, um die Prognose zu verbessern – lässt die Studie offen. Die Autoren beschränken sich auf den statistischen Zusammenhang zwischen mFES-Werten und Mortalität, ohne einen kausalen Wirkmechanismus zu benennen.
Weitere Forschung dürfte notwendig sein, um zu klären, ob eine gezielte Behandlung der Sturzangst selbst das Überleben verbessert oder ob sie lediglich als Marker für einen bereits bestehenden, schlechteren Gesundheitszustand fungiert.
