Iris, Mauss

Iris Mauss: Wer Glück erzwingen will, kann sich unglücklicher fühlen

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 04:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute sehen psychische Belastungen durch Optimierungsdruck und betonen den Einfluss von Arbeitsbedingungen sowie sozialen Strukturen.
Eine einsame, verwitterte Holztreppe, die in einen nebligen Wald führt und das Streben nach ständiger Perfektion symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Die kontinuierliche Arbeit an der eigenen Leistungsfähigkeit und Persönlichkeit erfährt zunehmend fachliche Kritik. Psychologin Anita Batini? Bajkovec von der Organisation Prava formula warnte in einem Interview mit dem Portal tportal.hr davor, dass Selbstoptimierung problematisch werde, sobald sie zum reinen Selbstzweck verkomme. Entstehe der Eindruck, den eigenen Idealen permanent hinterherzulaufen, könne dies erhebliche psychische Belastungen nach sich ziehen.

Das Paradoxon des erzwungenen Glücks

In ihren Ausführungen verwies Batini? Bajkovec auf wissenschaftliche Untersuchungen der Psychologin Iris Mauss. Demnach berichten Personen, die dem persönlichen Glück einen übermäßig hohen Stellenwert beimessen, in bestimmten Situationen von einem geringeren Glücksempfinden.

Zudem hob Batini? Bajkovec hervor, dass ruminatives Grübeln – also das wiederholte, passive Nachdenken über Probleme – im Vergleich zu anderen Formen der Selbstreflexion deutlich stärker mit Depressivität, Ängsten und schlechter Stimmung einhergehe.

Auch der bewusste Rückzug berge Risiken: Eigene Grenzen könnten sich in unüberwindbare Mauern verwandeln, wenn sie nicht dem Schutz vor tatsächlichem Schaden dienen, sondern dazu genutzt werden, jegliche alltägliche Unannehmlichkeit abzuwehren.

Wachsender Druck und strukturelle Grenzen

Ähnliche Bedenken äußerte der Neuropsychologe Albert Moukheiber im Gespräch mit dem Magazin Les Lueurs. Er stellte fest, dass die Angebote zur persönlichen Entwicklung Menschen keineswegs glücklicher gemacht hätten.

Die Suche nach einem verborgenen Lebenssinn bleibe vergeblich, während die ständige Selbstoptimierung Angstzustände schüre, da stets ein noch höheres Niveau erreichbar scheine. Zudem führe bloßes Verstehen nicht automatisch zu einer Verhaltensänderung.

Moukheiber betonte, dass individuelles Wohlbefinden maßgeblich von sozialen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Rahmenbedingungen abhänge, die sich der vollständigen persönlichen Kontrolle entziehen.

Die Zunahme von Burn-out-Diagnosen stehe in direktem Zusammenhang mit diesem anhaltenden Optimierungsdruck. Als Gegenmodell empfahl er, Fortschritt über Perfektion zu stellen, die eigene Haltung von Pflichtformulierungen hin zu konkreten Vorsätzen zu verschieben sowie Erfahrungen in der Gegenwart zu priorisieren.

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Achtsamkeit und unternehmerische Verantwortung

Auch die Autorin und Podcasterin Kathrin Fischer thematisierte die Auswüchse dieses Trends im Podcast „Frauenstimmen“ anlässlich ihres Buches „Achtsam geht die Welt zugrunde“. Sie verwies darauf, dass sich Achtsamkeit zu einer milliardenschweren Industrie entwickelt habe.

Zwar könne die Praxis der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion erste Symptome von Erschöpfung abmildern, doch versäumten es Organisationen häufig, betriebliche Führungsprobleme, Überlastungen oder Mobbing anzugehen. Kehrten Beschäftigte in unveränderte Arbeitsbedingungen zurück, führten sie die fortbestehenden Probleme oft fälschlicherweise auf eigenes Versagen zurück.

Fischer merkte zudem an, dass Frauen besonders häufig unter Mehrfachbelastungen durch Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung, emotionale Verantwortung und äußeren Druck stünden. Strukturelle Defizite, wie etwa Verspätungen im Schienenverkehr, seien politisch veränderbar und sollten nicht zu individuellen Meditationsanlässen umgedeutet werden.

Dass individuelle Fürsorge an ihre Grenzen stößt, unterstreichen auch offizielle Stellen. Laut einem Gastbeitrag auf spirit-online.de werde Selbstfürsorge zu einer Zumutung, wenn Einzelpersonen ihre Erschöpfung isoliert bewältigen müssten, während strukturell Verantwortliche außen vor bleiben.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zum Schutz der mentalen Gesundheit am Arbeitsplatz primär organisatorische Maßnahmen zur Verringerung von Belastungsrisiken, flankiert von Schulungen und individuellen Angeboten.

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Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin stellen insbesondere Missverhältnisse zwischen Arbeitsvolumen und verfügbarer Zeit sowie eingeschränkte Handlungsspielräume erhebliche gesundheitliche Risiken dar; wirksame Eigenverantwortung setze stets realistische Handlungsspielräume voraus.

Lösungsansätze zwischen Akzeptanz und schrittweiser Veränderung

Fachleute werben vor diesem Hintergrund für einen pragmatischeren Umgang mit Herausforderungen. Paar- und Sexualberaterin Sonja Jüngling legte im Podcast „Selbstoptimierung – Probleme lösen oder akzeptieren?“ dar, dass jedem Menschen sinnbildlich feste Problemlasten zu eigen seien; die Lösung einer Schwierigkeit bringe oft eine neue hervor.

Während Schmerz unausweichlich sei, resultiere zusätzliches Leid primär aus innerem Widerstand. Radikale Akzeptanz bedeute hierbei, Gegebenheiten anzunehmen, ohne ihnen inhaltlich zustimmen zu müssen. Sie empfiehlt eine bewusste Abwägung zwischen Veränderung und Annahme sowie die Würdigung kleiner Fortschritte.

Psychologe Leon Windscheid betonte in einer Live-Ausgabe des Podcasts „Smarter leben“, dass sich angesichts globaler Krisen und privater Sorgen viele Menschen überfordert zeigten. Er riet zu mehr Demut und stellte die Frage in den Raum, ob es mitunter genüge, sich selbst nicht permanent abzuwerten.

Gleichzeitig hob Philosoph Byung-Chul Han in seinen gesellschaftskritischen Schriften hervor, dass ständige Selbstoptimierung zu einer Form neuronaler Selbstausbeutung führe. Demgegenüber plädierte er dafür, Pausen, Untätigkeit und das Eingeständnis des eigenen Unvermögens wieder zuzulassen.

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