Job-Hugging, Deutschland

Job-Hugging in Deutschland: Kündigungen sinken, Motivation kollabiert

Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 01:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Trotz hoher Verbleibequote sinkt die Leistungsbereitschaft: Studien zeigen wachsende psychische Belastung und fehlende Anreize als Produktivitätskiller.

Job-Hugging in Deutschland: Demotivation bremst Produktivität der Teams
Ein demotivierter Mitarbeiter sitzt an einem modernen Büroarbeitsplatz und blickt nachdenklich weg vom Bildschirm. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Aktuelle Datenanalysen des Marktforschungsunternehmens Gartner weisen auf eine besorgniserregende Entwicklung in der deutschen Arbeitswelt hin. Demnach erweist sich eine demotivierte Mitarbeiterbindung zunehmend als erheblicher Produktivitäts-Killer in hiesigen Teams.

Während Beschäftigte ihren Unternehmen zwar physisch erhalten bleiben, sinkt die psychische Bindung und damit die Leistungsbereitschaft, was Experten vor neue Herausforderungen stellt.

Das Phänomen des „Job-Hugging“ am deutschen Arbeitsmarkt

Ergebnisse des Beratungsunternehmens WTW vom August 2026 verdeutlichen eine Trendwende beim Mobilitätsverhalten: 61 % der Arbeitnehmer planen derzeit, mindestens zwei Jahre in ihrem aktuellen Job zu bleiben. Im Jahr 2022 lag dieser Wert noch bei 53 %.

Diese Tendenz zum Verharren in bestehenden Arbeitsverhältnissen, oft als „Job-Hugging“ bezeichnet, spiegelt sich auch in den rückläufigen Kündigungszahlen wider. Im vierten Quartal 2025 wurden insgesamt 1,64 Mio. Beschäftigungsverhältnisse beendet, was einem Rückgang von 8 % im Vergleich zum vierten Quartal 2019 entspricht.

Untersuchungen der Plattform Xing stützen diesen Befund und zeigen, dass derzeit lediglich ein Drittel der Beschäftigten wechselwillig ist. Laut WTW sind die primären Gründe für einen potenziellen Wechsel das Gehalt (69 %), die Jobsicherheit (46 %) sowie flexibles Arbeiten (43 %).

Interessanterweise decken sich diese Faktoren weitgehend mit den Gründen für das Verbleiben im Unternehmen: Hier nennen 62 % das Gehalt, 50 % die Jobsicherheit und 43 % das kollegiale Umfeld als ausschlaggebend.

Wachsender psychischer Druck und strukturelle Belastungsfaktoren

Trotz der hohen Verbleibequote ist der Zustand der Belegschaften von Belastungen geprägt. Eine Erhebung von Randstad-ifo im August 2026 ergab, dass 51 % der Unternehmen eine gestiegene mentale Belastung bei ihren Mitarbeitern beobachten.

Besonders kritisch stellt sich die Situation in mittelgroßen Betrieben mit 250 bis 499 Beschäftigten dar, in denen 73 % der Firmen eine Zunahme meldeten. Als wesentliche Treiber dieser Entwicklung identifizierten die Unternehmen allgemeine Unsicherheit (49 %), komplexe Veränderungsprozesse (45 %), eine hohe Arbeitsmenge (37 %) sowie Personalengpässe (35 %).

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Diese Belastung wirkt sich bereits auf die Gesundheit jüngerer Generationen aus. Eine Untersuchung von 1LIVE und IFAK unter 2.086 Befragten im Alter von 14 bis 34 Jahren zeigt, dass 30 % der Teilnehmer mindestens einmal monatlich mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehen.

In dieser Altersgruppe legen 48 % besonderen Wert auf eine angemessene Vergütung und Benefits sowie auf eine positive Unternehmenskultur. Die Arbeitsplatzsicherheit spielt für 44 % eine zentrale Rolle, während 74 % angaben, offen über ihr Gehalt zu sprechen.

Motivationsverlust durch fehlende Leistungsanreize

Ein wesentlicher Grund für die sinkende Produktivität liegt laut einer Befragung von Statista+ unter 1.000 Beschäftigten in einer tiefgreifenden Resignation. 39 % der Befragten sind der Ansicht, dass sich Leistung in ihrem Arbeitsumfeld nicht lohne. Dies führt dazu, dass 22 % nicht motiviert sind, Mehrarbeit zu leisten, wobei 41 % dies explizit auf eine fehlende zusätzliche Vergütung zurückführen.

Gleichzeitig wächst der Wunsch nach einer Reduzierung der Arbeitszeit. 66 % der Befragten können sich eine Arbeitszeitverkürzung vorstellen; in der Generation Z liegt dieser Anteil sogar bei 74 %. Diese Zahlen verdeutlichen die Distanzierung vieler Arbeitnehmer von klassischen Leistungsmodellen, wenn die entsprechenden Anreize fehlen.

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Statistische Einordnung der Erwerbssituation in Deutschland

Die strukturellen Rahmenbedingungen tragen zur allgemeinen Verunsicherung bei. Daten des Mikrozensus belegen, dass in Deutschland rund 2,2 Mio. Menschen befristet beschäftigt sind, was 6,0 % der Kernerwerbstätigen entspricht.

Nur für einen geringen Anteil von 2,7 % ist diese Befristung freiwillig gewählt. Über die Hälfte der Verträge (52,4 %) hat eine Laufzeit von weniger als zwölf Monaten, wobei der Bildungssektor mit einer Quote von 11,2 % die höchste Befristungsdichte aufweist.

Trotz dieser Unsicherheiten zeigt die langfristige Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass die Beteiligung am Arbeitsmarkt insgesamt gestiegen ist. Im Jahr 2025 lag die Erwerbsquote der 20- bis 24-Jährigen bei 76,8 %, was einer Steigerung um 7,1 Prozentpunkte seit 2015 entspricht.

Seit 2023 verzeichnete diese Gruppe ein Plus von 0,9 Prozentpunkten. Auch bei den 25- bis 64-Jährigen stieg die Erwerbsquote seit 2015 um 3,1 Prozentpunkte. Die Herausforderung für Unternehmen besteht somit weniger in der Verfügbarkeit von Arbeitskräften als vielmehr darin, die vorhandenen Mitarbeiter in einem unsicheren Umfeld dauerhaft zu motivieren und produktiv zu halten.

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