KI-Agenten für Forschung: Claude, Microsoft und Google automatisieren Labore
06.07.2026 - 01:49:16 | boerse-global.de
Die großen KI-Unternehmen haben in dieser Woche spezialisierte „agentische" Plattformen vorgestellt, die wissenschaftliche Forschung automatisieren und massiv beschleunigen sollen. Statt einfacher Chatbots setzen die neuen Systeme auf multi-fähige Arbeitsumgebungen für autonome Laborabläufe, Wirkstoffforschung und Materialwissenschaft.
Anthropic startet Claude Science und eigenes Wirkstoffprogramm
Anthropic brachte am 30. Juni 2026 die Beta-Version von Claude Science auf den Markt. Das System, das seit dem 4. Juli breiter verfügbar ist, basiert auf dem Claude Opus 4.8-Modell und nutzt eine Multi-Agenten-Architektur. Spezielle „Reviewer-Agenten" prüfen Quellenangaben, eine Provenienz-Schicht sichert die Transparenz der Forschung.
Die Plattform greift auf über 60 wissenschaftliche Datenbanken und Tools zu – darunter PubMed, UniProt und NVIDIA BioMo mit OpenFold3 und Boltz-2. Erste Tests am Allen Institute zeigten: Literaturrecherchen, die früher zwei Jahre dauerten, sind jetzt in wenigen Tagen erledigt. An der University of California in San Francisco (UCSF) verkürzten Forscher die Zeit für Keimbahn-Analysen bei Gliomen auf ein Zehntel der üblichen Dauer. Einem UCSF-Wissenschaftler gelang es zudem, innerhalb von Minuten eine Virus-Kontamination in Laborproben zu identifizieren – ein Detail, das ein Jahr lang unbemerkt geblieben war.
Parallel zum Software-Start gab Anthropic bekannt, eigene Wirkstoffprogramme zu verfolgen. Der Fokus liegt auf vernachlässigten Krankheiten, die für große Pharmakonzerne oft zu wenig profitabel sind. Zur Unterstützung übernahm das Unternehmen im April 2026 Coefficient Bio für rund 400 Millionen Euro. Mitte Juni 2026 verpflichtete es John Jumper, einen der Miterfinder von AlphaFold, von Google DeepMind. Zudem vergibt Anthropic Zuschüsse von bis zu 30.000 Euro in Credits für 50 Forschungsprojekte – Bewerbungsschluss ist der 15. Juli 2026.
Microsoft und Alibaba präsentieren spezialisierte Wissenschafts-Agenten
Microsoft stieg am 4. Juli 2026 mit Microsoft Discovery in den Markt für agentische Forschung und Entwicklung ein. Die auf Azure gehostete Plattform umfasst eine Discovery Engine und ein „GraphRAG Bookshelf", das die Hypothese-Experiment-Schleife automatisiert. Das System bietet eine Compute-und-Daten-Ebene für Hochleistungs-Forschungsumgebungen – sowohl als Cloud-Dienst als auch als lokale Anwendung für Wissenschaftler.
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In der Materialwissenschaft stellte die Alibaba DAMO Academy gemeinsam mit der Renmin-Universität und der Chinesischen Akademie der Wissenschaften am 3. Juli 2026 den ElementsClaw KI-Agenten vor. Das Modell mit einer Milliarde Parametern durchsuchte 2,4 Millionen Strukturen in 28 GPU-Stunden und identifizierte 68.000 Kandidaten für Supraleiter. Vier dieser Kandidaten wurden bereits experimentell bestätigt. Die Forscher haben die resultierende Datenbank als Open Source veröffentlicht.
Google Research erweitert Einsatz empirischer Forschungsassistenten
Auch Google Research treibt die Neuausrichtung wissenschaftlicher Entdeckungen voran – mit seinen Empirical Research Assistants (ERA). Diese KI-Agenten nutzen Tree-Search-Coding, um Hunderttausende wissenschaftliche Ideen gleichzeitig zu erkunden. Das ERA-System hat bereits 200.000 Modelle für Prognosen der US-Seuchenschutzbehörde CDC generiert und half beim Design gebogener Solarmodule, das komplexe physikalische Validierung erforderte.
Googles DeepVariant-Tool hat bis heute 2,5 Millionen menschliche Exome und Genome verarbeitet. Das Forschungsteam arbeitet derzeit an großen Herausforderungen – etwa der Kartierung des larvalen Zebrafisch-Gehirns – und nutzt KI, um wissenschaftliche Arbeiten aus kurzen Zusammenfassungen zu reproduzieren und so die experimentelle Konsistenz zu überprüfen.
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Marktwachstum und Effizienzgewinne
Der Boom spezialisierter KI-Tools folgt einem breiten Trend massiver Investitionen in die Lebenswissenschaften. Branchendaten vom Juni 2026 deuten darauf hin, dass KI-Integration in der Wirkstoffforschung die präklinischen Zeitpläne um 40 Prozent verkürzen und die Kosten um 30 Prozent senken kann. Schätzungen zufolge könnte der KI-Lebenswissenschaften-Markt, der 2025 bei 17 Milliarden Euro lag, bis 2031 auf 69 Milliarden Euro wachsen.
Während Anthropic und Microsoft auf agentische Arbeitsumgebungen setzen, bauen andere Player ihre Präsenz durch Partnerschaften aus. OpenAI hat Deals mit Firmen wie Novo Nordisk und Moderna geschlossen, Google Cloud pflegt Kooperationen mit Bayer und Merck. Branchenkenner gehen davon aus, dass diese Werkzeuge die Erfolgsquote in der Wirkstoffentwicklung von derzeit rund acht Prozent auf 16 Prozent verdoppeln könnten.
