KI-Boom in Gefahr: 60% der Rechenzentren stocken im Bau
Veröffentlicht: 05.07.2026 um 13:49 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Branchenkenner und internationale Organisationen warnen vor einem gefährlichen Ungleichgewicht zwischen Investitionen und Realität.
Warnsignale aus der Industrie
Tether-CEO Paolo Ardoino hat am 4. und 5. Juli 2025 mehrere strukturelle Probleme im aktuellen KI-Boom benannt. Seine Kernkritik: Die massiven Kapitalausgaben der großen Technologiekonzerne könnten unter den aktuellen Marktbedingungen nicht nachhaltig sein.
Laut Ardoino ruht der schnelle Ausbau der KI-Infrastruktur auf vier grundlegenden Fehlannahmen. Die Preise für sogenannte Compute-Token – also Recheneinheiten – spiegeln demnach nicht die tatsächlichen Kosten wider. Hinzu kommt: Die Zeiträume, in denen Gewinne erzielt werden sollen, passen nicht zum enormen Anfangskapitalbedarf. Besonders problematisch: Hardware wie Grafikprozessoren und Server veraltet bereits nach drei bis fünf Jahren.
Offene KI-Modelle als Bedrohung
Ein weiterer Risikofaktor ist die wachsende Zahl offener KI-Modelle. Sie könnten die Gewinnmargen der größten Branchenakteure deutlich schmälern. Diese Einschätzung teilt auch der Chef von Palantir, der bereits am 1. Juli 2025 die aktuellen geschäftsmodelle auf Token-Basis als nicht zukunftsfähig bezeichnete.
Schuldenmärkte unter Druck
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat bereits Anfang 2025 Alarm geschlagen. Die Kreditaufnahme von Unternehmen für KI-Entwicklung stuft der IWF als potenzielles systemisches Risiko ein – sogar gefährlicher als überhöhte Aktienbewertungen.
Die Zahlen untermauern diese Sorge: Allein in den ersten fünf Monaten 2025 haben KI-Hyperscaler Unternehmensanleihen im Wert von 159 Milliarden US-Dollar (rund 147 Milliarden Euro) ausgegeben. Zu diesen Großinvestoren zählen Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Oracle und Nvidia. Nvidia selbst emittierte im Juni 2025 Anleihen über 25 Milliarden US-Dollar. Alphabet wiederum nahm im selben Monat rund 85 Milliarden US-Dollar durch Aktienverkäufe ein.
Gemischte Wirtschaftsdaten
Trotz der Kapitalschwemme zeigt die Realität ein anderes Bild. Das Wachstum im Informationssektor verlangsamte sich im ersten Quartal 2025 auf nur 1,5 Prozent. Auch der US-Arbeitsmarkt kühlte ab: Im Juni 2025 kamen lediglich 57.000 neue Stellen hinzu.
60% der geplanten Rechenzentrumskapazitäten haben noch nicht einmal die Bauphase erreicht – und Lieferengpässe für Transformatoren betragen bis zu vier Jahre. Wer jetzt nicht handelt, verliert den Anschluss. Dieser Report zeigt, wie Sie Lieferketten-Risiken checken, Standorte absichern und Finanzierungsalternativen nutzen. Jetzt kostenlosen Risiko-Report anfordern
Rechenzentren: Großprojekte stocken
Während die finanziellen Verpflichtungen hoch bleiben, hinkt der physische Bau von Rechenzentren hinterher. Eine Studie von JPMorgan zeigt: 60 Prozent der bis 2027 geplanten Rechenzentrumskapazitäten haben noch nicht einmal die Bauphase erreicht. Sieben Prozent der Projekte sind bereits mit Verzögerungen konfrontiert.
Lieferengpässe sind der Hauptgrund. Die Vorlaufzeiten für wichtige elektrische Komponenten wie Schaltanlagen und Transformatoren betragen bis zu vier Jahre. Allein im ersten Quartal 2025 wurden mindestens 75 Rechenzentrumsprojekte im Wert von 130 Milliarden US-Dollar blockiert oder verzögert.
Bürgerproteste nehmen zu
Der öffentliche Widerstand wächst. Über 800 Bürgerinitiativen in 49 US-Bundesstaaten kämpfen derzeit gegen rund 1.500 geplante Rechenzentren. Selbst prominente Vorhaben bleiben nicht verschont: Eine Tochtergesellschaft von Blackstone zog sich kürzlich von einem riesigen Campus in Virginia zurück – nach Verfahrensfehlern bei öffentlichen Anhörungen.
Ermittlungen ergaben zudem, dass OpenAIs Projekt „Stargate UK“ im April 2025 gestoppt wurde. Das Unternehmen hatte offenbar versäumt, den vorgesehenen Standort vor der Ankündigung zu besichtigen.
Neue Hoffnung im Mittleren Westen
Trotz aller Rückschläge gibt es auch positive Entwicklungen. Am 5. Juli 2025 hat das Unternehmen Nebius in Missouri mit dem Bau eines 400 Hektar großen „KI-Fabrik“-Campus begonnen. Das Gigawatt-Projekt soll über 1.300 Arbeitsplätze schaffen und wird von Nvidia unterstützt.
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Milliardenprognosen bleiben optimistisch
Die langfristigen Wachstumsprognosen bleiben ambitioniert. JPMorgan hat seine Schätzung für globale KI-Investitionen auf 5,5 Billionen US-Dollar bis 2030 angehoben. Branchenanalysen von Iron Mountain und Structure Research gehen davon aus, dass die weltweite Nachfrage nach Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 auf fast 90 Gigawatt pro Jahr steigen könnte. Das Angebot könnte dann um bis zu 500 Prozent hinter der Nachfrage zurückbleiben – vor allem, wenn Aufgaben zur Schlussfolgerung (Inference) das reine Modelltraining überholen.
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