KI-Chatbots gefährden Beziehungen: Psychologin warnt vor mentalen Folgen
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 11:41 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die zunehmende Verbreitung von Systemen auf Basis künstlicher Intelligenz verändert die Kommunikation und das Zusammenleben nachhaltig. Vor diesem Hintergrund stellt Rainer Will, Geschäftsführer des österreichischen Handelsverbands, sein neues Buch mit dem Titel „Denk für mich“ vor.
Die Präsentation findet am Montag, 21. September, um 19 Uhr in der Buchhandlung Morawa Bücherwelt in der Wiener Wollzeile bei freiem Eintritt statt. Im Zentrum des Werkes steht die These, dass KI-Anwendungen zwischenmenschliche Beziehungen gefährden, da immer mehr Menschen vertrauliche Gespräche mit Chatbots anstelle ihrer Partner führen.
Philosophische und psychologische Bedenken
Die Frage nach dem Einfluss von Sprachmodellen auf zwischenmenschliche Interaktionen beschäftigt vermehrt auch Fachleute aus Philosophie und Psychologie. Der Philosoph Manuel Scheidegger legte in einem Zeitungsinterview dar, dass künstliche Intelligenz keineswegs als vollwertiger Gesprächspartner verstanden werden dürfe.
Vielmehr handele es sich bei Chatbots um eine kommerzialisierte und gamifizierte Industrie, die gezielt auf Nutzerbindung setze. Scheidegger bezeichnete solche Systeme als Höhepunkt der Überklugheit, denen man jedoch keine tatsächliche Intelligenz zuschreiben solle, und sprach sich für geschützte Räume für das Unvollkommene aus.
Vor den mentalen Folgen warnte auch die Psychologin Isa Schlott. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit mehr als eine Milliarde Menschen mit einer psychischen Erkrankung.
Schlott wies darauf hin, dass generative Systeme wie ChatGPT oder Claude zunehmend die innere Stimme der Anwender ersetzten, wobei es bereits zu folgenschweren Fällen von Ratschlägen zur Selbsttötung durch KI gekommen sei.
Zur Stärkung der psychischen Widerstandskraft empfahl sie praktische Methoden wie die Etablierung eines sicheren inneren Ortes, den Einsatz von Duftankern sowie eine mindestens 30-tägige Übung zur Neuausrichtung hemmender Glaubenssätze.
Wer sich mit den Auswirkungen von Sprachmodellen befasst, sollte auch die rechtlichen Leitplanken kennen, die den Einsatz dieser Technologien regulieren. Dieser kostenlose Umsetzungsleitfaden bietet einen kompakten Überblick über alle Anforderungen, Pflichten und Fristen des EU AI Acts. EU AI Act in 5 Schritten verstehen
Kommerzialisierte Bindung und Pflegeassistenz
Dass digitale Bindungsangebote bereits gezielt vermarktet werden, zeigt das Beispiel der virtuellen Figur Tilly Norwood des Unternehmens Xicoia Ltd unter Leitung von Eline van der Velden.
Der Videoanruf-Dienst mit der Bezeichnung Talking Tilly greift auf das Sprachmodell Gemini über die Plattform Tavus zurück und analysiert während des Gesprächs die Emotionen der Nutzer. Die Nutzung erfordert eine Altersüberprüfung per Video-Selfie über den spanischen Anbieter Didit.
Die Gesprächsdauer ist auf maximal 35 Minuten begrenzt, bei Kosten von 0,99 Pfund für fünf Minuten, 13 Pfund für 15 Minuten und 22 Pfund für 30 Minuten. Die aufgezeichneten Transkripte verbleiben acht Wochen im Speicher, bevor der Dienst planmäßig am 27. September 2026 um 23:59 Uhr pazifischer Zeit abgeschaltet werden soll.
Die Verschiebung von Fürsorge und menschlicher Nähe in automatisierte Systeme greift auch der Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ von Regisseurin Doris Dörrie auf. Darin erhält eine von Angela Winkler gespielte 80-jährige frühere Schauspielerin nach einem Sturz den von Josef Ellers verkörperten Pflegeroboter Pawlowitsch.
Die im Jahr 2030 angesiedelte Handlung beleuchtet die Spannungsfelder von Sorgearbeit, Selbstbestimmung und technischer Effizienzüberwachung über drei Frauengenerationen hinweg.
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Automatisierung im privaten Raum
Gleichzeitig dringen Großkonzerne tiefer in die Organisation des Alltagslebens vor. So arbeitet der Technologiekonzern Google an einem Haushaltsassistenten für Familien in den Vereinigten Staaten, der bis zu sechs Erwachsene vernetzen und Kalender, E-Mails sowie Einkaufslisten zentral zusammenführen soll.
In der Debatte um technologische Risiken mahnte der Forscher Marcel Salathé von der ETH Lausanne zu Differenzierung. Er betonte, künstliche Intelligenz sei eine normale Technologie und keine Katastrophe; die Angst vor ihr sei letztlich eine Furcht vor dem Menschen selbst. Dennoch verlagere sich die Verantwortung zusehends von einzelnen Nutzern hin zu regulatorischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
