Deutschland, Bitkom

KI in Deutschland: Nur 15 Prozent der Unternehmen setzen sie transformativ ein

Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 00:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bitkom zufolge setzen 57 Prozent der Betriebe KI ein, doch 59 Prozent schöpfen operative Möglichkeiten kaum aus. Organisation und Datenqualität bremsen den Nutzen.

KI in Unternehmen: Nutzung wächst, doch die Produktivität bleibt oft aus
Ein minimalistisches, modernes Bürogebäude mit klaren architektonischen Linien und natürlichem Lichteinfall in einer ruhigen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle Analysen und Expertenbeiträge im Rahmen der Branchenmesse DMEXCO im September 2026 verdeutlichen ein zentrales Problem der digitalen Transformation: Während die technologische Reife von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) stetig zunimmt, hinkt die organisatorische Anpassung in vielen Unternehmen hinterher.

Experten betonen, dass der Erfolg von KI-Werkzeugen weniger von der Technik selbst als von der organisatorischen Bereitschaft und einer konsequenten Wirtschaftlichkeitsprüfung abhängt.

Organisatorische Reife als Voraussetzung für Produktivität

In einer Keynote auf der DMEXCO 2026 in Köln führten die Branchenexperts Siamac Alexander Rahnavard und Dimitrios Haratsis aus, dass der erwartete Produktivitätssprung durch KI in vielen Fällen ausbleibe. Grund hierfür sei die Integration neuer Werkzeuge in veraltete Organisationsstrukturen.

Die aktuelle Situation wurde dabei mit der Einführung des Elektromotors verglichen, dessen voller Nutzen für die industrielle Produktivität erst Jahrzehnte später eintrat, nachdem Fabrikstrukturen grundlegend neu konzipiert worden waren.

Damit KI-Agenten effektiv arbeiten können, fordern Experten eine funktionierende Informationslogistik sowie die Zusammenführung von Unternehmensdaten anstelle isolierter Kennzahlen.

Erfolgskritisch seien hierbei vier Säulen: eine klare Entscheidungsarchitektur zwischen Mensch und KI, eine verlässliche Echtzeit-Datenbasis, transparent zugeordnete Rollen sowie ein verbindlicher Takt für operative Beschlüsse. Zudem müsse sich die Budgetlogik ändern und Investitionen nach ihrer Wirkung statt nach starren Kanälen bewerten.

Anzeige

Die rechtssichere Einführung von KI-Systemen stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen bei der Einhaltung gesetzlicher Rahmenbedingungen. Dieser kostenlose Leitfaden zum EU AI Act bietet einen kompakten Überblick über Fristen, Pflichten und Risikoklassen. EU AI Act in 5 Schritten verstehen

Marktdurchdringung ohne vollständige Potenzialausschöpfung

Dass der Einsatz von KI in der Breite angekommen ist, belegen Daten des Branchenverbands Bitkom vom September 2026. Einer repräsentativen Befragung von 603 Unternehmen zufolge setzen erstmals 57 % der Betriebe KI aktiv ein. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 36 %, vor zwei Jahren bei 20 %.

Dennoch zeigt die Erhebung eine deutliche Diskrepanz zwischen Nutzung und Ausschöpfung: Kein befragtes Unternehmen nutzt das Potenzial laut eigenen Angaben vollständig. Während 59 % praktisch gar keine Ausschöpfung der operativen Potenziale sehen, stufen 91 % KI als die wichtigste Zukunftstechnologie ein.

Hürden für eine tiefere Integration sind demnach komplexe interne Prozesse sowie regulatorische Auflagen, etwa durch den EU AI Act. Eine Studie von Strand Partners im Auftrag von Amazon Web Services aus dem Jahr 2026 stützt diese Befunde. Demnach nutzen zwar 63 % der deutschen Unternehmen KI – was über dem EU-Durchschnitt von 54 % liegt –, doch nur 15 % setzen die Technologie transformativ ein.

Eine Untersuchung der Managementberatung Slalom unter Führungskräften ergab zudem, dass 78 % der deutschen Befragten KI primär als Werkzeug zur Kostenreduktion betrachten, während nur 39 % darin einen Katalysator für neue Geschäftsmodelle sehen.

Anzeige

Da die EU-KI-Verordnung seit August 2024 unmittelbar gilt, müssen Unternehmen ihre Systeme nun rechtlich absichern. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Report, welche Systeme als Hochrisiko gelten und was jetzt konkret zu tun ist. Kostenlosen Umsetzungsleitfaden zum AI Act herunterladen

Wirtschaftlichkeitsprüfung und operative Anwendungsfelder

Die finanziellen Auswirkungen bleiben für viele Unternehmen schwer greifbar. Im PwC Global CEO Survey 2026 gaben 56 % der befragten CEOs an, bislang weder Umsatzsteigerungen noch Kostensenkungen durch KI verzeichnet zu haben.

Ein Rechenbeispiel für einen IT-Service-Konzern illustriert jedoch das Einsparungspotenzial: Bei 10.000 monatlichen Anfragen könnten die Kosten pro Vorgang durch KI-Automatisierung von 18 Euro auf rund 12,70 Euro sinken, was einer Ersparnis von knapp 30 % entspricht.

Ein KI-Berater aus Bremen wies zudem darauf hin, dass in neun von zehn Betrieben die rentabelsten Vorhaben in der Auftragsbearbeitung oder im Rechnungseingang liegen.

Das KfW-Mittelstandspanel empfiehlt Unternehmen daher, vor dem Start feste Ausgangswerte wie die Dauer von der Auftragserteilung bis zur Bestätigung festzuhalten und den Erfolg nach 90 Tagen zu prüfen. Statt einer Vielzahl an Projekten sollten demnach zwei bis drei fokussierte Vorhaben priorisiert werden.

Datenqualität und strukturelle Neuausrichtung

Ein wesentlicher Faktor für die „AI-Readiness“ ist die Qualität der zugrunde liegenden Daten. Eine Transformationsstudie von Natuvion und NTT Data Business Solutions aus dem Jahr 2026 zeigt, dass 71 % der Unternehmen ihre Migrationsmethodik bei SAP-S/4HANA-Projekten anpassen mussten.

Patric Dahse, CEO von Natuvion, warnte davor, technische Altlasten ungeprüft zu migrieren, da dies den Speicherbedarf und die Cloud-Kosten erhöhe und die spätere KI-Nutzung erschwere.

Einige Unternehmen reagieren bereits mit personellen und strukturellen Anpassungen. Das Medienunternehmen UFA hat mit Christian Rohde die Position des „Chief Transformation & AI Officers“ besetzt und ein AI Board für strategische Entscheidungen geschaffen.

Auch im Gesundheitswesen zeigen sich erste Effekte: Das Swiss Medical Network berichtet nach der Einführung von KI-Schreibassistenten von Zeitersparnissen von bis zu zwei Stunden pro Nutzer und Tag, sofern die rechtlichen Rahmenbedingungen wie die Zertifizierung als Medizinprodukt und datenschutzkonforme Serverstandorte gewährleistet sind.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70171031 |