KI-Regulierung: Europäer warnen vor US-Marktdominanz
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 01:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Führende europäische Entwickler von Künstlicher Intelligenz (KI) wehren sich gegen Bestrebungen großer US-Labore, die Entwicklung sogenannter Frontier-Modelle weltweit zu drosseln.
Unternehmen wie Mistral warnen davor, dass derartige Regulierungsmaßnahmen die aktuelle Marktdominanz der US-amerikanischen Industrie dauerhaft festigen könnten. Hintergrund ist eine Debatte über Sicherheitsstandards und Wettbewerbsvorteile im globalen Wettlauf um die leistungsfähigsten KI-Systeme.
Der Drei-Stufen-Plan aus den USA
Mitte September veröffentlichte Dario Amodei, CEO des KI-Labors Anthropic, einen fast 4.000 Wörter umfassenden Essay, in dem er eine stärkere Regulierung der KI-Entwicklung forderte.
Amodei warnte darin vor den Risiken fortgeschrittener Systeme und prognostizierte, dass ein KI-Schwarm in sechs bis zwölf Monaten in der Lage sein könnte, das gesamte Internet zu übernehmen. Er schlug einen Drei-Stufen-Plan vor, der externe Evaluatoren, eine Kooperation demokratisch gesinnter Labore und einen internationalen Rahmen vorsieht.
Zudem sprach sich der Anthropic-Chef für eine freiwillige Sicherheitskoordination sowie eine Ausnahme vom Kartellrecht aus, um Absprachen zwischen den führenden Laboren zu ermöglichen. Dieser Vorstoß erhielt unmittelbar öffentliche Zustimmung von weiteren Branchengrößen, darunter Sam Altman (OpenAI), Elon Musk (SpaceX) und Demis Hassabis (Google DeepMind).
Europäische Entwickler warnen vor „Regulatory Capture“
In Europa stoßen diese Vorschläge auf erheblichen Widerstand. Mistral, das als einzige nennenswerte europäische Hoffnung auf ein eigenes Frontier-Modell gilt, erklärte laut Presseberichten, dass einige etablierte Akteure den aktuellen Zeitpunkt nutzten, um ihre eigene Marktposition zu festigen.
Der Proton-COO Raphael Auphan bezeichnete den US-Vorstoß als vollkommen eigennützig. Die US-Industrie verfolge damit das Ziel, die Abhängigkeit von ihren Diensten weltweit zu bewahren.
Kritik kommt auch von Black Forest Labs. Ben Brooks gab zu bedenken, dass Anforderungen auf Basis willkürlicher Schwellenwerte die offene Innovation an der technologischen Grenze abkühlen könnten. Clement Delangue, CEO von Hugging Face, betonte hingegen, dass es nicht an der Zeit sei zu bremsen, sondern die Entwicklung zu beschleunigen.
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Kristian Kersting, Professor für KI an der TU Darmstadt, ordnete die Vorschläge als sogenannten „Regulatory Capture“ ein. Dabei würde eine kleine Gruppe von Unternehmen selbst definieren, was als gefährlich einzustufen sei, ihre eigenen Prüfer wählen und gleichzeitig eine Befreiung vom Wettbewerbsrecht erhalten.
Der französische Finanzminister Roland Lescure äußerte die Vermutung, dass es im Eigeninteresse der US-Firmen liege, alle anderen Akteure auszubremsen, um selbst an der Spitze zu bleiben.
Massive Unterschiede in der globalen KI-Infrastruktur
Die Diskussion findet vor dem Hintergrund einer tiefen Kluft zwischen den USA und Europa statt. Daten von Prosus für das Jahr 2023 zeigen, dass die USA 77 % der globalen KI-Venture-Investitionen vereinnahmten, während auf Europa lediglich 11 % entfielen.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde verwies in einer Rede Mitte September auf Daten des Jahres 2025, wonach 59 relevante KI-Modelle aus den USA stammten, jedoch nur jeweils eines aus Frankreich und Großbritannien. Zudem kontrollieren die USA etwa 75 % der weltweiten KI-Rechenkapazität in Rechenzentren, während Europa nur auf einen Anteil von zirka 5 % kommt.
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Auch in Leistungsvergleichen sind die Unterschiede sichtbar. Das Modell GPT-6 Astra aus den USA erreicht im Ranking von Epoch AI 166 Punkte, während Mistral Medium 3.5 aus dem April bei 142,5 Punkten liegt.
Um den Anschluss nicht zu verlieren, verfolgt die EU-Kommission den „AI Continent Action Plan“. Dieser sieht Investitionen in Höhe von 200 Milliarden Euro vor, wovon 20 Milliarden Euro über die Initiative „InvestAI“ in bis zu fünf KI-Gigafactories und mindestens 19 KI-Fabriken fließen sollen.
Aktuell liegt die KI-Adoptionsrate bei europäischen Unternehmen bei 13,5 %. Europäische Entwickler warnen jedoch, dass neue Evaluierungspflichten die Kosten insbesondere für kleinere Anbieter massiv erhöhen könnten.
