KI-Strategie 2030: Bundesregierung plant 18 Maßnahmen für mehr Eigenständigkeit
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deBeim zweitägigen Digitalgipfel der Bundesregierung in Berlin ist der Bericht der ministeriumsübergreifenden Arbeitsgruppe für Künstliche Intelligenz vorgestellt worden. Das Strategiepapier soll die Bundesrepublik bis zum Jahr 2030 zu einer souveränen Nation im Bereich der Schlüsseltechnologie entwickeln. Die Initiative war im Sommer vom Nationalen Sicherheitsrat eingesetzt worden und steht unter der Leitung des Bundesdigitalministeriums.
Kerninitiativen und ehrgeizige Zielmarken bis 2030
Der Bericht umfasst 18 ressortübergreifende Schlüsselmaßnahmen, zu denen insbesondere der gezielte Ausbau der Recheninfrastruktur sowie die Absicherung der Halbleiter-Wertschöpfungskette zählen.
Für die Umsetzung seien laut dem Bericht die kommenden 12 bis 18 Monate von entscheidender Bedeutung. Trotz einer soliden Forschungslandschaft drohe der Abstand zu den führenden Nationen USA und China stetig größer zu werden, weshalb sich das Handlungsfenster zügig schließe.
Bis zum Jahr 2030 formuliert das Strategiepapier mehrere konkrete Etappenziele:
- Mindestens 80 Prozent der Großunternehmen und 55 Prozent der kleinen und mittleren Betriebe sollen KI-Technologien aktiv einsetzen.
- Die Zahl der heimischen Start-ups im KI-Bereich soll sich verdreifachen.
- Der direkte Anteil der Technologie an der gesamten Wirtschaftsleistung soll auf über 10 Prozent steigen.
- In 90 Prozent der Bundesbehörden soll mindestens eine Anwendung für Kernaufgaben im regulären Betrieb laufen.
- Die Kapazitäten der Rechenzentren für KI-Anwendungen sollen gegenüber dem Basisjahr 2025 um 300 Prozent wachsen.
Flankiert werden die Pläne durch Sicherheitsprüfungen: Das deutsche Institut für KI-Sicherheit soll unabhängige Evaluierungen von Hochleistungssystemen vornehmen. Grundsatz bleibe, dass die Systeme dem Menschen dienen und unter verlässlicher menschlicher Kontrolle verbleiben müssen. Verbindliche Finanzierungsentscheidungen enthält der vorgelegte Entwurf bislang nicht; eine Vorlage beim Nationalen Sicherheitsrat steht noch an.
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Politische Leitlinien und internationale Partnerschaften
Bundeskanzler Friedrich Merz mahnte vor den rund 1.000 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu größerer Eile. Digitale Eigenständigkeit sei eine existenzielle Notwendigkeit, weshalb eine vollständige Abhängigkeit von externen Akteuren zwingend vermieden werden müsse.
Merz skizzierte eine Doppelstrategie, die den kurzfristigen Einsatz praxistauglicher Industriemodelle mit langfristiger Grundlagenforschung kombiniert. Zugleich verteidigte der Kanzler die Kooperation mit US-Konzernen wie Google bei Cloud-Infrastrukturen für Behörden, da diese Anbieter substanziell in Europa investierten und europäische Sicherheitsvorgaben einhielten.
Digitalminister Karsten Wildberger erklärte, Deutschland handle weiterhin zu zögerlich. Um nicht den Anschluss zu verlieren, müsse jetzt eingegriffen werden, solange noch strategische Wahlmöglichkeiten bestehen.
Auf internationaler Ebene schloss sich die Bundesrepublik mit Frankreich, Finnland, Polen und Kanada zu einer Allianz zusammen, um gemeinsame Werte und Standards durchzusetzen. Zudem will der Staat künftig als strategischer Erstkunde für europäische Anbieter auftreten.
Auf Unternehmensebene kündigten der deutsche Anbieter Aleph Alpha und das kanadische Unternehmen Cohere eine Kooperation zur gemeinsamen Entwicklung von Softwarelösungen für Verwaltung und Betriebe an.
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Druck aus Wirtschaft und Industrie
Aus der Industrie kommen derweil gemischte Signale. Siemens-Vorstandschef Roland Busch gab zu bedenken, dass das weltweite Rennen um gigantische Allzweck-Sprachmodelle gegenüber den USA und China kaum noch aufzuholen sei.
Der europäische Schwerpunkt müsse daher vor allem auf KI-Anwendungen in der industriellen Fertigung und im Produktdesign liegen. Das Ifo-Institut wies darauf hin, dass die Rahmenbedingungen hierzulande durch bürokratische Hürden, analoge Verwaltungsprozesse und Fachkräftemangel den erhofften Aufschwung noch bremsen.
Zugleich belegt eine Branchenumfrage des Digitalverbands Bitkom unter 603 Betrieben eine hohe Nachfrage nach heimischen Angeboten: 96 Prozent der befragten Betriebe würden Software aus Deutschland bevorzugen, wenngleich knapp zwei Drittel dabei keine Abstriche bei Preis oder Leistung hinnehmen wollen.
Verbandspräsident Ralf Wintergerst betonte, Europa dürfe nicht bloß als reiner Anwender fungieren, sondern müsse zügig ein eigenes tragfähiges Anbieter-Ökosystem etablieren.
