Kids Act: EU verbietet Social Media für unter 13-Jährige
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 14:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mit dem Gesetzentwurf für einen sogenannten Kids Act strebt die Europäische Kommission eine weitreichende Neuregelung der digitalen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen an. Der Entwurf sieht ein gestaffeltes Zugangsmodell sowie verbindliche technische Vorgaben für Online-Dienste vor, um Minderjährige vor suchtfördernden Mechanismen und Risiken im Netz zu schützen.
Stufenmodell für Kinder und Jugendliche
Das Regelungskonzept der EU-Kommission unterscheidet nach Altersgruppen. Für Kinder unter 13 Jahren soll die Nutzung sozialer Medien künftig vollständig untersagt sein. Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren dürfen der Vorlage zufolge lediglich eingeschränkte, von den Eltern verwaltete Mini-Konten nutzen, deren Nutzungszeit auf 1 Stunde pro Tag begrenzt ist.
Eigene Benutzerkonten sind erst ab einem Alter von 15 Jahren vorgesehen. Wie aus Kommissionsunterlagen vom 17. September 2026 hervorgeht, setzt dies jedoch voraus, dass die Dienste nach dem Prinzip der integrierten Sicherheit gestaltet sind: Suchtfördernde Algorithmen, endloses Scrollen und automatisches Abspielen von Inhalten sind in dieser Altersstufe untersagt.
Für Nutzer unter 18 Jahren sieht der Entwurf darüber hinaus ein Verbot von Belohnungsmechanismen, fremden Kontaktaufnahmen und nächtlichen Benachrichtigungen vor. Künstliche Intelligenz ist ebenfalls erfasst: KI-Chatbots müssen für Minderjährige standardmäßig deaktiviert bleiben, und KI-Begleitdienste dürfen keine emotionale Abhängigkeit begünstigen.
Technische Vorgaben und Sanktionsmechanismen
Die Vorgaben beschränken sich nicht auf soziale Netzwerke, sondern erstrecken sich auch auf KI-Systeme, Videoplattformen und Onlinespiele. Diensteanbieter müssen nachweisen, dass ihre Angebote sicher gestaltet sind, andernfalls droht eine Sperre für Minderjährige. Durch diese Beweislastumkehr tragen die Plattformen die Verantwortung für den Sicherheitsnachweis. Ausnahmen sind unter anderem für Bildungsangebote und behördliche Dienste vorgesehen.
Zur Durchsetzung plant die Kommission strenge Fristen: Bei festgestellten Verstößen soll die Brüsseler Behörde binnen 90 Tagen entscheiden. Für Tech-Konzerne wie Meta und Google stehen Geldbußen von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes im Raum.
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Die praktische Alterskontrolle soll über die europäische digitale Brieftasche erfolgen, die ab Anfang 2027 auch in Deutschland zur Verfügung stehen soll. Eine ergänzende App zur Altersverifikation soll bis Ende 2025 in allen Mitgliedstaaten bereitstehen.
Reaktionen aus Politik, Verbänden und Wissenschaft
Auf politischer Ebene stößt das Vorhaben auf Zuspruch. Bundesbildungsministerin Karin Prien begrüßte den Vorstoß am 16. September 2026 und kündigte für Oktober eigene Eckpunkte für eine deutsche Übergangslösung an; zudem fordert sie ein bildschirmfreies Aufwachsen für Kinder unter 3 Jahren.
Die Bundesregierung unterstützt den Kids Act grundsätzlich, während Bundesjustizministerin Stefanie Hubig ein zügiges Verfahren anmahnte. Bis zu einem Inkrafttreten stehen jedoch noch Verhandlungen mit den EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament aus, die Monate bis Jahre beanspruchen können.
Fachverbände und Experten äußern sich differenziert. Medienpädagogen beim SIN bewerten das zweistufige System als tragfähigen Kompromiss. Kommunikationswissenschaftler der Universität Wien heben hervor, dass ein reines Verbot die Plattformverantwortung außer Acht lasse.
Forscher des Leibniz-Instituts für Medienforschung warnen dagegen, dass ein genereller Altersnachweis für alle Bürger Eingriffe in die Meinungsfreiheit bedeute und verweisen auf das Fehlen eines Verfahrens zum Nachweis der Personensorgeberechtigung sowie drohende Wettbewerbsnachteile für neue Plattformen. Informatiker der TU Berlin halten eine Altersverifikation technisch für praktisch nicht umgehbar.
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Der Kinderschutzbund warnt davor, den Online-Zugang ausschließlich von der elterlichen Zustimmung abhängig zu machen, da dies Jugendliche aus belasteten Familien benachteiligen könne, und bemängelt das Fehlen zuverlässiger und diskriminierungsfreier Prüfverfahren.
Zugleich begrüßt der Verband die stärkere Inpflichtnahme der Plattformen. Aus der Digitalwirtschaft kommen Bedenken: Der Verband Bitkom hält Verbote für den falschen Ansatz, während DotEurope vor einer Doppelregulierung mit dem Gesetz über digitale Dienste warnt.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert ergänzend einen Digital Fairness Act, während Organisationen wie HateAid auf die konsequente Durchsetzung bestehender Digitalgesetze pochen. Kritik an der Ausgestaltung äußern auch die Werbeverbände GWA und OWM.
Internationale Vergleichswerte
Der europäische Entwurf knüpft an Erfahrungen aus anderen Staaten an. In Australien, wo ein generelles Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren gilt, besitzen nach vorliegenden Daten dennoch 80 Prozent der 10- bis 15-Jährigen ein Konto, da Alterskontrollen in der Praxis weitgehend wirkungslos geblieben sind.
In Frankreich kippte der Verfassungsrat Mitte August ein vergleichbares Verbot. Österreich wiederum übermittelte Ende Juli einen Entwurf an die EU, der ein nationales Nutzungsverbot ab einem Alter von 14 Jahren vorsieht.
Mehr zum Thema bei DER SPIEGEL: „Social Media: EU-Kommission will Accounts für Kinder unter 13 Jahren verbieten“
