Kindheitstrauma: NAKO-Studie mit 159.045 Menschen zeigt höheres Depressionsrisiko
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 23:20 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die zunehmende Zahl psychischer Erkrankungen und deren spĂŒrbare Auswirkungen auf die finanzielle StabilitĂ€t der sozialen Sicherungssysteme rĂŒcken verstĂ€rkt in den Fokus gesundheitspolitischer Debatten. Fachleute und Institutionen verweisen auf eine anhaltend hohe Belastung der Versorgungsstrukturen, die sowohl das Gesundheitssystem als auch die Arbeitswelt und Selbsthilfeorganisationen vor erhebliche Herausforderungen stellt.
Hohe Verbreitung und lebenslange Risikofaktoren
Umfassende wissenschaftliche Untersuchungen belegen die weite Verbreitung seelischer Leiden. Eine Analyse im Rahmen der NAKO-Gesundheitsstudie unter FederfĂŒhrung des Zentralinstituts fĂŒr Seelische Gesundheit und unter Beteiligung von Prof. Dr. Jutta Mata von der UniversitĂ€t Mannheim, die am 31. August 2026 in der Fachzeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics erschien, untersuchte Daten von 159.045 Teilnehmenden im Alter von 19 bis 72 Jahren.
Knapp die HÀlfte der Befragten waren Frauen. Rund 26 Prozent der Teilnehmenden berichteten von mindestens einer Form von Kindheitstrauma. Insgesamt gaben 13 Prozent eine Depression im Lebensverlauf an, wobei Frauen mit 17,7 Prozent deutlich hÀufiger betroffen waren als MÀnner mit 10,1 Prozent. Aktuelle depressive Symptome wiesen 7,5 Prozent der Befragten auf (Frauen: 9,0 Prozent, MÀnner: 5,9 Prozent).
Den Studienergebnissen zufolge verdoppeln Kindheitstraumata das Risiko fĂŒr eine spĂ€tere Depression mehr als und verdreifachen es fĂŒr aktuelle Symptome beinahe. Belastungen in der Kindheit stehen mit rund einem Viertel aller Depressionen im Lebensverlauf und etwa einem Drittel der aktuellen Symptome in Verbindung.
Frauen gaben dabei hĂ€ufiger emotionale und sexuelle Misshandlung an, wĂ€hrend MĂ€nner etwas hĂ€ufiger ĂŒber körperlichen Missbrauch berichteten. Auch Kommunen verzeichnen diesen Trend: Nach Angaben der Berliner BezirksstadtrĂ€tin Rona Tietje betreffen psychische Belastungen fast jeden vierten Erwachsenen, wobei Frauen ebenfalls ĂŒberproportional betroffen seien.
Belastungsdruck in der Arbeitswelt
Auch am Arbeitsplatz schlagen sich psychische Beanspruchungen nieder. Der Ăsterreichische Gewerkschaftsbund (ĂGB), der rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer vertritt, warnte unter Verweis auf eine Erhebung der Plattform karriere.at vor den Folgen von Personalmangel und Arbeitsdruck.
Demnach hĂ€tten 52 Prozent der Befragten mindestens einmal wegen der Arbeit geweint, und 64 Prozent berichteten von berufsbedingten WutausbrĂŒchen. Jeweils 31 Prozent der BeschĂ€ftigten gelangten mehrmals im Monat oder mehrmals pro Jahr an ihre emotionale Belastungsgrenze.
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Claudia Neumayer-Stickler vom ĂGB erklĂ€rte, dass psychisch bedingte KrankenstĂ€nde zunĂ€hmen und hĂ€ufig in den Arbeitsbedingungen begrĂŒndet lĂ€gen. Als wichtigste Entlastung nannten 34 Prozent der Befragten eine Reduzierung des Arbeitspensums.
Versorgungsanpassungen und digitale Angebote
Als Reaktion auf den steigenden Versorgungsbedarf plant die Bundesregierung im Rahmen der Notfallreform Anpassungen am GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Vorgesehen ist unter anderem eine Ausweitung der extrabudgetĂ€ren VergĂŒtung auf die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sowie auf Akutbehandlungen fĂŒr schwer psychisch kranke Menschen.
Zudem soll der Gemeinsame Bundesausschuss mit Kriterien zur Dringlichkeitsfeststellung beauftragt werden; bei bereits begonnenen Therapien ist keine Mengenbegrenzung vorgesehen.
Gleichzeitig gewinnen Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) an Bedeutung. Laut Daten des GKV-Spitzenverbands entfallen 55 Prozent aller verordneten DiGA auf psychische Erkrankungen. Zwischen 2020 und Ende 2025 wurden insgesamt rund 1,9 Millionen DiGA verordnet und zu 82 Prozent (1,6 Millionen) aktiv genutzt, was einem Zuwachs von 63 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr entspricht.
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Mit Stand vom 23. September 2026 waren 50 Anwendungen dauerhaft im Verzeichnis gelistet, 13 befanden sich in der Erprobung und 18 wurden gestrichen. Die Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr digitale Anwendungen beliefen sich in den ersten fĂŒnf Jahren seit 2020 auf 400 Millionen Euro, wovon allein mehr als 170 Millionen Euro auf das Jahr 2025 entfielen.
Selbsthilfestrukturen unter wachsendem Zulauf
Weil regulĂ€re Behandlungsangebote teils EngpĂ€sse aufweisen, weichen viele Betroffene auf Selbsthilfegruppen aus. Nach Angaben der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und UnterstĂŒtzung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) stieg die Zahl der Selbsthilfegruppen in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2025 um 19 Prozent gegenĂŒber 2023. In Niedersachsen entstanden im Jahr 2024 insgesamt 371 neue Gruppen, von denen 118 (31 Prozent) den Bereich psychischer Erkrankungen betrafen.
Befragungen zufolge schĂ€tzen 92 Prozent der Mitglieder ihre Gruppe als sehr wichtig und 74 Prozent als entscheidend fĂŒr das persönliche Wohlergehen ein.
Bundesweit betreuen mehr als 330 Kontaktstellen rund 100.000 Selbsthilfegruppen. WĂ€hrend der Förderbetrag der gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr die Selbsthilfe im Jahr 2026 auf 107,3 Millionen Euro steigt (nach 101 Millionen Euro im Jahr 2025), sieht ein Viertel der Kontaktstellen kommunale KĂŒrzungen auf sich zukommen, weshalb Organisationen eine verlĂ€ssliche Absicherung fordern.
