Kniearthrose: Embolisation senkt Schmerzmedian nach einem Jahr von 7 auf 3
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 13:13 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Kniegelenksarthrose gehört zu den weltweit verbreitetsten Beschwerdebildern. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind global mehr als 365 Millionen Erwachsene von Kniearthrose betroffen. Zwischen konservativen Maßnahmen wie Physiotherapie oder Schmerzmitteln und einem chirurgischen Gelenkersatz suchen Mediziner seit Längerem nach minimalinvasiven Zwischenschritten.
Eine in der Fachzeitschrift Radiology publizierte Untersuchung der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Kooperation mit der Radiological Society of North America liefert nun detaillierte Einblicke in die genikuläre Arterienembolisation (GAE) mit abbaubaren Mikrosphären.
Studiendaten aus Berlin zeigen deutliche Schmerzlinderung
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die gezielte Embolisation genikulärer Gefäße mittels gelatinebasierter Mikrosphären, die sich innerhalb von Stunden wieder auflösen. Der Eingriff zielt darauf ab, entzündliche Gefäßneubildungen im Bereich der Gelenkkapsel zu reduzieren. In der Studie wurden 194 Patientinnen und Patienten behandelt, darunter 114 Frauen und 80 Männer.
Das Medianalter lag bei 69 Jahren, der mittlere Body-Mass-Index bei 28,4. Da bei 45 Personen beide Knie betroffen waren, führten die Behandelnden zwischen Juli und November 2024 an einem Zentrum insgesamt 239 Eingriffe durch, die unter Fluoroskopie allesamt technisch erfolgreich verliefen.
Eingeschlossen waren Personen, deren Knieschmerzen trotz mindestens dreimonatiger konservativer Vorbehandlung mit Physiotherapie, Antirheumatika oder Injektionen angehalten hatten.
Die erhobenen Verlaufsdaten belegen einen spürbaren Rückgang der Schmerzbelastung. Auf einer numerischen Skala von 0 bis 10 sank der Medianschmerz von einem Ausgangswert von 7 vor dem Eingriff auf 4 nach sechs Wochen. Nach sechs sowie nach zwölf Monaten lag der Medianwert bei 3. Von den nach einem Jahr nachuntersuchten Patienten wiesen 80 Prozent eine klinisch bedeutsame Schmerzlinderung auf.
Die Erfassungsraten im Nachbeobachtungszeitraum beliefen sich auf 94 Prozent nach sechs Wochen (183 von 194 Personen), 89 Prozent nach drei Monaten (172 von 194), 89 Prozent nach sechs Monaten (171 von 194) sowie 79 Prozent nach zwölf Monaten (154 von 194).
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Funktionelle Besserung und beobachtete Verträglichkeit
Parallel zum Schmerzrückgang verbesserten sich auch die funktionellen Parameter, gemessen am spezifischen Knie-Score KOOS. Bei den Aktivitäten des täglichen Lebens stieg der Wert von 53 auf 71,5 Punkte, im Bereich Sport und Freizeit von 15 auf 36. Die Werte für sonstige Symptome verbesserten sich von 51 auf 68, der Score für Schmerz von 44 auf 65 und der Wert für die Lebensqualität von 19 auf 40 Punkte.
Hinsichtlich der Sicherheit traten im Rahmen der 239 Behandlungen weder mittelschwere noch schwere Nebenwirkungen auf. Bei 6,7 Prozent der Eingriffe registrierte das Team leichte und vorübergehende Komplikationen, zu denen unter anderem eine zeitweise Hautverfärbung sowie ein oberflächlicher Bluterguss an der Punktionsstelle zählten.
Studienleiter Florian Nima Fleckenstein ordnete das Verfahren als mögliche Behandlungsoption ein, die sich im therapeutischen Spektrum zwischen wiederholten Injektionen und einem operativen Gelenkersatz einfügen könne.
Methodische Grenzen und Einordnung in den Forschungsstand
Trotz der dokumentierten Verbesserungen weist die Forschungsarbeit methodische Limitationen auf. Das Studiendesign umfasste weder eine Kontrollgruppe noch eine Scheinbehandlung. Daher bleibt unklar, welcher Anteil der festgestellten Beschwerdelinderung unmittelbar auf die Gefäßverödung zurückzuführen ist.
Zudem liefert die Arbeit keinen Beleg dafür, dass das Verfahren den Knorpelabbau stoppt oder das Fortschreiten der Grunderkrankung verlangsamt. Zur abschließenden Klärung fordern Fachleute größere kontrollierte Studien mit längeren Nachbeobachtungszeiten.
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Der Blick auf die breitere Studienlage mahnt zur differenzierten Bewertung. Eine im April 2026 vorgelegte randomisierte Untersuchung mit 58 Teilnehmenden, die eine Scheinprozedur berücksichtigte, hatte keinen signifikanten Unterschied zwischen echter Embolisation und Scheinbehandlung gefunden.
Eine Metaanalyse aus dem September 2026 stellte ebenfalls keinen eindeutigen Vorteil fest, und eine Auswertung von 22 Studien mit 633 Patienten wies auf einen deutlich geringeren Effekt im Vergleich zu Placebo hin.
Fachgesellschaften wie die Society of Interventional Radiology halten fest, dass die Intervention für sorgfältig ausgewählte Betroffene in Betracht gezogen werden kann, sofern trotz Standardtherapie erhebliche Beschwerden bestehen und eine Operation nicht gewünscht oder nicht möglich ist.
