Kniearthrose: Strahlentherapie senkt Behinderungsrisiko laut Studie um 67 Prozent
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Anwendung einer niedrigdosierten Strahlentherapie bei Kniearthrose sorgt in der Fachwelt für anhaltende Diskussionen. Während jüngst vorgestellte Daten eine langjährige Linderung von Beschwerden nahelegen, melden Fachkreise erhebliche Bedenken an. Einem Bericht von Medscape vom 9. Oktober 2026 zufolge werden positive Langzeitergebnisse einer entsprechenden Untersuchung wegen grundlegender methodischer Mängel angefochten.
Vielversprechende Befunde aus einer russischen Langzeitstudie
Auf der Jahrestagung der American Society for Radiation Oncology (ASTRO), die vom 26. bis 30. September 2026 in Boston stattfand, wurden Daten einer randomisierten Studie aus einem russischen Zentrum präsentiert.
Die formelle Publikation der Untersuchung erfolgte am 8. Oktober 2026. An der Untersuchung nahmen 292 Personen mit einem Medianalter von 38 Jahren und früher Kniearthrose der Kellgren-Lawrence-Grade 0 bis 2 teil; schwerere Stadien der Grade 3 und 4 waren ausgeschlossen.
Die Studie verglich eine alleinige medikamentöse Behandlung mit einer Kombination aus Medikamenten und einer Orthovoltage-Strahlentherapie von 4,5 Gy, verteilt auf zehn Fraktionen. Über eine mediane Nachbeobachtungszeit der Krankenakten von 11,9 Jahren war die Strahlentherapie mit einem um 67 Prozent niedrigeren adjustierten Risiko für Behinderungen assoziiert.
Besonders ausgeprägt schienen die Effekte bei den 78 Teilnehmenden mit Arthrose vom Grad 2: In dieser Untergruppe lag die Behinderungsrate in der Strahlengruppe bei 31 Prozent gegenüber 61 Prozent unter reiner Medikation. Die Rate an Kniegelenkersatz betrug 14 Prozent im Vergleich zu 36 Prozent.
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Dieser Unterschied bei den Prothesenoperationen war in der gesamten Studienpopulation jedoch statistisch nicht signifikant. Bildgebende MRT-Untersuchungen nach 12 Monaten wiesen auf eine leichte Verbesserung im Bestrahlungsarm hin, während sich die Medikamentengruppe verschlechterte; dieser Unterschied blieb über das dreijährige Follow-up signifikant.
Methodische Schwachpunkte wecken Zweifel
Trotz dieser Werte steht die Aussagekraft der Untersuchung in der Kritik. Wie aus den Berichten hervorgeht, weist die Arbeit mehrere methodische Schwachstellen auf: Die Teilnehmenden waren sich ihrer Behandlung bewusst, und der Kontrollarm erhielt keine Scheinbestrahlung.
Zudem handelte es sich um eine monozentrische Erhebung mit unvollständigen MRT-Nachbeobachtungsdaten. Sowohl die Langzeit- als auch die Grad-2-Subgruppenanalysen waren lediglich exploratorischer Natur.
Unmittelbare Reaktionen oder Krebserkrankungen im Bestrahlungsfeld wurden zwar nicht verzeichnet, allerdings war die Studie nicht darauf ausgelegt, seltene Spätfolgen oder das Lebenszeit-Krebsrisiko verlässlich zu erfassen. Als nächsten Schritt nannte Dr. Bobby Koneru eine multizentrische, randomisierte kontrollierte Studie zu Grad 2 mit Scheinbestrahlung.
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Widersprüchliche Evidenz in kontrollierten Studien
Die Skepsis gegenüber den russischen Daten wird durch frühere und parallele Untersuchungen gestützt. Eine bereits im Jahr 2018 in den Annals of the Rheumatic Diseases publizierte doppelblinde Studie gegen Scheinbestrahlung fand keinen substanziellen Nutzen hinsichtlich Symptomen oder Entzündungszeichen.
Ein heterogenes Bild liefert auch eine multizentrische, einfachblinde und scheinkontrollierte Studie mit 114 Betroffenen im Alter von 50 bis 85 Jahren und Schmerzskalenwerten zwischen 50 und 90 Millimetern.
Die Teilnehmenden erhielten sechs Fraktionen über zwei Wochen verteilt – entweder als Scheinbestrahlung (39 Personen), mit 0,3 Gy (37 Personen) oder mit 3 Gy (38 Personen). Nach vier Monaten lag die Responderrate nach OMERACT-OARSI bei 41,7 Prozent in der Scheingruppe, bei 58,3 Prozent unter 0,3 Gy (nicht signifikant) und bei 70,3 Prozent unter 3 Gy (statistisch signifikant).
Nach acht Monaten erzielte die 3-Gy-Gruppe 76,5 Prozent gegenüber 45,5 Prozent unter Scheinbehandlung, nach zwölf Monaten war der Unterschied mit 66,7 Prozent zu 50,0 Prozent jedoch nicht mehr signifikant.
Zudem traten in dieser Erhebung weder Toxizitäten noch signifikante Unterschiede bei den WOMAC-Werten, Entzündungsmarkern wie Blutsenkung und CRP oder den MRT-Parametern auf. Ob die niedrigdosierte Bestrahlung bei Kniearthrose einen dauerhaften Stellenwert im klinischen Alltag einnehmen kann, bleibt daher bis zum Vorliegen weiterer methodisch strenger Studien offen.

