Knochenmark-EntzĂŒndung: Abnormale Stammzellen erhalten einen Vorteil
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deEntzĂŒndungsprozesse im Knochenmark können abnormalen Blutstammzellen wĂ€hrend des Alterns einen entscheidenden Selektionsvorteil verschaffen. Dies geht aus einer Forschungsarbeit eines internationalen Teams unter der Leitung von Judith Zaugg vom EuropĂ€ischen Laboratorium fĂŒr Molekularbiologie (EMBL) und der UniversitĂ€t Basel sowie Borhane Guezguez von der UniversitĂ€t Mainz hervor.
Die Forschenden untersuchten Knochenmarkproben von gesunden Personen und Betroffenen mit myelodysplastischen Syndromen (MDS). Dabei zeigte sich, dass dieser Wettbewerbsvorteil unabhĂ€ngig von Mutationen innerhalb der Zellen selbst auftritt und maĂgeblich von den entzĂŒndlichen Bedingungen des umgebenden Gewebes gesteuert wird.
Selektionsvorteile bei MDS und klonaler HĂ€matopoese
Die Erkenntnisse liefern wichtige Anhaltspunkte fĂŒr das VerstĂ€ndnis altersassoziierter Bluterkrankungen. Myelodysplastische Syndrome stören die gesunde Blutbildung und können klinische Komplikationen wie AnĂ€mie, Infektionen, Blutungen sowie ĂbergĂ€nge in LeukĂ€mien zur Folge haben.
Zudem steht das PhĂ€nomen der klonalen HĂ€matopoese unbestimmter Potenz (CHIP) im Fokus. CHIP erhöht das Risiko fĂŒr Blutkrebs und Herz-Kreislauf-Probleme deutlich, obgleich zahlreiche TrĂ€ger ĂŒber lange ZeitrĂ€ume symptomlos bleiben. Die entzĂŒndlichen VerĂ€nderungen im Knochenmark begĂŒnstigen das Ăberleben und die Vermehrung solcher verĂ€nderten Zellklone gegenĂŒber regulĂ€ren hĂ€matopoetischen Stammzellen.
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ZellulÀrer Stress und mitochondriale Erschöpfung
Parallel dazu verdeutlicht eine Studie aus dem Jahr 2026 von Forschenden der UniversitÀt Tokio und des St. Jude Children's Research Hospital unter Leitung von Dr. Masayuki Yamashita, wie molekularer Stress die Funktion blutbildender Stammzellen (HSCs) einschrÀnkt.
Unter Stressbedingungen wird das Protein MLKL in den HSCs aktiviert. Es wandert zu den Mitochondrien, senkt dort das Membranpotential, verÀndert die mitochondriale Struktur und reduziert die zellulÀre Energieproduktion.
In der Folge sinkt die RegenerationsfĂ€higkeit der Stammzellen, was als ein Kernmerkmal der Stammzellalterung gilt. An diesem Vorgang ist der Signalweg RIPK3-MLKL beteiligt, der ĂŒblicherweise mit Nekroptose in Verbindung gebracht wird, in den Stammzellen jedoch keinen direkten Zelltod auslöst.
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Beeinflussung von EntzĂŒndungsprogrammen bei Neoplasmen
Möglichkeiten zur gezielten Beeinflussung mutierter Stammzellpopulationen beschrieb eine am 15. September 2026 in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlichte Untersuchung von Weill Cornell Medicine unter Dr. Anna Nam.
Bei myeloproliferativen Neoplasmen wie der essentiellen ThrombozythĂ€mie bewirkt Interferon-alpha eine zellulĂ€re Reaktion, die mutierte Blutstammzellen beschleunigt zu kurzlebigen Neutrophilen heranreifen lĂ€sst. Da mutierte Zellen anfĂ€lliger fĂŒr diesen Mechanismus sind als nicht-mutierte Zellen, verkleinert sich der mutierte Zellpool.
DarĂŒber hinaus regt Interferon-alpha die Bildung lymphoider Zellen an und dĂ€mpft entzĂŒndungsassoziierte Genprogramme. Die Autorenschaft wies jedoch darauf hin, dass der breite Wirkungsbereich des Signalstoffs mit erheblichen Nebenwirkungen einhergeht, was die Entwicklung prĂ€ziserer AnsĂ€tze erforderlich macht.
ZusÀtzliche Entwicklungswege im adulten Knochenmark
Die KomplexitÀt der Knochenmarksumgebung wird zudem durch Entdeckungen zur Herkunft von Immunzellen unterstrichen. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Wolfgang Weninger sowie den Erstautoren Shweta Tikoo und Rohit Jain von der MedUni Wien identifizierte im Knochenmark erwachsener MÀuse die VorlÀuferzellpopulation EMPROR (Erythro-Myeloid PROgenitoR).
Die in Nature Immunology publizierten Daten zeigen, dass diese Zellen einen alternativen, monozytenunabhÀngigen Weg zur Bildung von Gewebemakrophagen eröffnen.
EMPROR-Zellen exprimieren Cd4 und Kit, jedoch kein Csf1r und Ccr2. Sie weisen neben makrophagĂ€rem auch granulozytĂ€res und erythroides Potenzial auf und tragen unter entzĂŒndlichen sowie neoplastischen Bedingungen zur Bildung verschiedener Zelllinien bei. Die genaue Relevanz dieses Signalwegs fĂŒr den Menschen ist Gegenstand laufender Untersuchungen.
