Knollenblätterpilze, Pilzvergiftungen

Knollenblätterpilze: 80% aller tödlichen Pilzvergiftungen in Deutschland

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 10:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachleute raten von Pilz-Apps ab: Bildsoftware erkennt Giftpilze nicht sicher, während Knollenblätterpilze für viele tödliche Vergiftungen verantwortlich sind.

Pilz-Apps im Check: Experten warnen vor gefährlichen Fehlbestimmungen
Verschiedene Wildpilze auf einem moosigen Waldboden im Herbstlicht. Illustration mit AI erstellt.

Mit Beginn der Pilzsaison greifen zahlreiche Sammler bei der Bestimmung von Waldpilzen auf Smartphone-Anwendungen zurück. Pilzexperten warnen jedoch eindringlich vor dieser Praxis. Digitale Bestimmungs-Apps und auf künstlicher Intelligenz basierende Bilderkennungsprogramme können lebensgefährliche Fehlbestimmungen bei der Suche nach Speisepilzen nicht zuverlässig ausschließen.

Grenzen der digitalen Bilderkennung im Wald

Fachleute weisen darauf hin, dass rein visuelle Merkmale für eine sichere Bestimmung selten ausreichen. Yvonne Gießler-Stumpf vom Vorstand der Thüringer Arbeitsgemeinschaft Mykologie warnte im September 2026 vor der Nutzung von KI-, Foto- und Videobestimmungen. Allein in Thüringen gebe es etwa 500 mit bloßem Auge sichtbare Pilzarten, von denen schätzungsweise rund 100 essbar seien.

Auch Lutz Helbig riet im September 2026 im Rundfunk Berlin-Brandenburg von Apps ab, da es dabei zu fatalen Verwechslungen kommen könne. Stattdessen empfahl er den Gang zu geprüften Pilzsachverständigen der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) oder die Inanspruchnahme kostenloser kommunaler Pilzberatungsstellen.

Dass Software an der Natur scheitert, betonen Experten auch international. Xu Fei, Techniker am Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention in Ningxia, erklärte im September 2026, dass KI-Foto-Erkennungen aufgrund wechselnder Aufnahmewinkel, Lichtverhältnisse und des jeweiligen Wachstumszustands der Pilze viel zu unzuverlässig seien.

Zudem seien viele gefährliche Giftpilze optisch unscheinbar grau-weiß gefärbt. Bereits im Jahr 2024 hatte der Eifeler Pilzsachverständige Thomas Regnery im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betont, dass keine Anwendung der Welt wirkliche Sicherheit bieten könne.

In der Eifel existierten zwischen 6.000 und 7.000 Pilzarten, von denen nach Regnerys Einschätzung lediglich etwa 1.000 rein optisch bestimmbar seien. Wie schnell Fehler passieren, zeigte 2024 die Einlieferung eines achtjährigen Jungen aus dem Kreis Ahrweiler in die Notaufnahme des Krankenhauses Mechernich nach dem Verzehr von Pilzen.

Hohe Todesrate durch Knollenblätterpilze

Die gesundheitlichen Risiken sind erheblich. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gehen bundesweit rund zehn Prozent aller Pilzvergiftungen auf Knollenblätterpilze zurück. Diese Art ist zugleich für mindestens 80 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen in Deutschland verantwortlich. Insgesamt verzeichnet die Statistik bundesweit jährlich 200 bis 300 gemeldete stationäre Behandlungen infolge von Pilzvergiftungen.

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Weltweit sorgt der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) für schwere Verläufe. Nach einem Bericht des Lehigh Valley Health Network vom September 2026 suchen in den USA jährlich rund 7.400 Menschen nach dem Verzehr von Giftpilzen medizinische Hilfe.

Nach einer ungewöhnlich regenreichen Saison wurden allein in Nordkalifornien 39 schwere Vergiftungen durch Amanita-Arten dokumentiert, die zu drei Lebertransplantationen und vier Todesfällen führten.

Toxikologe Timothy Kolosionek hob in diesem Zusammenhang hervor, dass das reine Aussehen zur Bestimmung unzureichend sei und Kochen, Einfrieren oder Trocknen die Toxine nicht zerstöre. Zudem treten Symptome oft erst mit einer Verzögerung von sechs Stunden oder mehr auf.

Vor einem tückischen Krankheitsverlauf warnte im September 2026 auch Chefarzt Ma Xiao von der Universitätsklinik Ningxia: In einer sogenannten Scheinheilungsphase können die ersten Beschwerden vorübergehend nachlassen, während die Giftstoffe Leber und Nieren schädigen und später ein Multiorganversagen auslösen können.

Xu Fei wies zudem darauf hin, dass gängige Hausmittel wie Knoblauch, Silberbesteck oder langes Kochen und Einlegen keine Entgiftung bewirken, da die Gifte hitze-, trocken- und einweichbeständig sind.

Verhaltensregeln für den Ernstfall

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) veröffentlichte im September 2026 sieben Verhaltensregeln für die Pilzsaison. Sammler sollten ausschließlich Pilze pflücken, die sie zweifelsfrei bestimmen können, und unbekannte Funde niemals verzehren.

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Wildpilze dürfen generell nicht roh gegessen werden. Treten nach einer Mahlzeit Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen auf, muss umgehend ärztlicher Rat oder ein Giftinformationszentrum kontaktiert werden.

Bei einem Vergiftungsverdacht warnt das BVL ausdrücklich davor, eigenständig Erbrechen auszulösen oder Milch zu trinken. Zur raschen Diagnose im Krankenhaus sollten Reste der Mahlzeit oder Putzreste unbedingt aufbewahrt werden. Zudem müssen alle weiteren Personen, die von den Pilzen gegessen haben, unverzüglich informiert und medizinisch untersucht werden.

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