Komapatienten, Gehirn-Computer-Schnittstelle

Komapatienten: Gehirn-Computer-Schnittstelle ermöglicht Gedankensteuerung am Krankenbett

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 20:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine EEG-basierte Schnittstelle ermöglichte 13 von 41 nicht ansprechbaren Patienten die mentale Steuerung eines Tonsignals.
Ein leeres, steriles Krankenhausbett in einem modernen, hellen Intensivzimmer ohne medizinisches Personal oder aktive GerÀte. Illustration mit AI erstellt.

Die neurologische Intensivmedizin steht bei der Beurteilung von Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen vor methodischen Herausforderungen. Eine am 22. Oktober 2026 im Fachjournal „Brain“ publizierte Untersuchung der Columbia University und des Netzwerks NewYork-Presbyterian liefert neue Erkenntnisse ĂŒber verborgene kognitive FĂ€higkeiten von Betroffenen.

Unter der Leitung des Neurologie-Professors Jan Claassen gelang es einem Forschungsteam erstmals, ĂŒber eine nichtinvasive Gehirn-Computer-Schnittstelle (BCI) eine rudimentĂ€re Kommunikation mit klinisch nicht ansprechbaren Personen aufzubauen. Insgesamt 13 von 41 untersuchten Patienten (32 Prozent) mit akuter Hirnverletzung konnten die Frequenz eines Tonsignals allein ĂŒber ihre Gedanken steuern.

Steuerung am Krankenbett ohne operative Eingriffe

Das eingesetzte BCI-System basiert auf routinemĂ€ĂŸig auf Intensivstationen verfĂŒgbaren Standard-Skalp-EEG-Elektroden in Kombination mit einer neu entwickelten Echtzeit-Software. Invasive Eingriffe oder implantierte Mikrochips sind fĂŒr die Anwendung nicht erforderlich.

Die Probanden wurden wenige Tage nach ihrer stationĂ€ren Aufnahme getestet. Ihre Aufgabe bestand darin, die Tonhöhe eines akustischen Signals ausschließlich ĂŒber die mentale Vorstellung von Handbewegungen gezielt zu verĂ€ndern.

Die mediane Reaktionszeit der erfolgreichen Anwender lag bei 49,8 Sekunden. Im Vergleich dazu benötigten bewusst ansprechbare Patienten 17,1 Sekunden und gesunde Kontrollpersonen 15,5 Sekunden.

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Bei 8 der nicht ansprechbaren Patienten (20 Prozent) wurde mittels eines separaten Tests zuvor eine kognitiv-motorische Dissoziation (CMD) festgestellt. SÀmtliche Personen mit diesem Befund zÀhlten spÀter auch zu den erfolgreichen Nutzern der Schnittstelle.

Signale als Indikator fĂŒr den Genesungsverlauf

Die Reaktionen ĂŒber das System erwiesen sich als starker PrĂ€diktor fĂŒr den weiteren klinischen Verlauf. Die Auswertung nach 12 Monaten zeigte, dass 6 von 13 Patienten mit erfolgreicher GerĂ€testeuerung (46 Prozent) funktionelle UnabhĂ€ngigkeit erlangten.

In der Gruppe der 28 Patienten ohne GerĂ€tekontrolle erreichten dies lediglich 2 Personen (7 Prozent). Bereits zum Entlassungszeitpunkt aus der Klinik wiesen 4 von 13 der Steuernden (31 Prozent) ein wiedererlangtes Bewusstsein auf, verglichen mit 1 von 28 (4 Prozent) bei den ĂŒbrigen Patienten.

Die Ergebnisse bauen auf frĂŒheren Erkenntnissen auf. Bereits 2019 hatte Claassen mittels EEG und Algorithmen bei 15 Prozent der nicht reagierenden Patienten Hinweise auf verborgenes Bewusstsein nachgewiesen. Auch eine NEJM-Studie aus dem Jahr 2024 zeigte bei 60 von 241 Komapatienten (25 Prozent) entsprechende HirnaktivitĂ€t.

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Eine umfassende Metaanalyse von 56 Studien mit 1.248 Patienten (Durchschnittsalter 45,5 Jahre, 66,1 Prozent MÀnner) beziffert den CMD-Nachweis bei traumatischen HirnschÀdigungen auf 37,9 Prozent, bei zerebrovaskulÀren Verletzungen auf 32,0 Prozent (OR 0,59) und bei anoxischen SchÀden auf 24,3 Prozent (OR 0,43).

Nach klinischen ZustĂ€nden differenziert betrug der Anteil beim nicht ansprechbaren Wachkoma (UWS) 28,4 Prozent, im Koma 32,8 Prozent und beim minimalen Bewusstseinszustand (MCS?) 38,7 Prozent (OR 1,64 gegenĂŒber UWS).

BezĂŒglich der Diagnostikverfahren lag der Nachweis via fNIRS und EMG bei jeweils 38,5 Prozent, bei Pupillometrie bei 32,3 Prozent, bei EEG bei 30,8 Prozent und bei fMRT bei 24,9 Prozent.

Grenzen des Verfahrens und weitere Forschungsziele

Trotz der Erfolge unterliegt die aktuelle Erhebung methodischen Restriktionen. Es handelt sich um eine monozentrische Beobachtungsstudie mit 41 Patienten in einer frĂŒhen Phase. Die Technologie stellt noch kein etabliertes klinisches Werkzeug dar, und Langzeitergebnisse stehen weiterhin aus. Zudem belegt der beobachtete Zusammenhang mit der spĂ€teren Genesung nicht, dass das Training die Besserung ursĂ€chlich herbeifĂŒhrte.

Auch bedeutet das VerĂ€ndern einer Tonhöhe noch keine vollwertige Kommunikation und darf keinesfalls als alleinige Basis fĂŒr Therapieentscheidungen dienen. Claassen betonte, die Schnittstelle sei lediglich ein erster Schritt auf diesem Gebiet. Als langfristiges Ziel definieren die Forscher Systeme, mit denen Patienten grundlegende Empfindungen wie Hunger oder Schmerzen eigenstĂ€ndig mitteilen können.

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