Kostenlos, Privatsphäre

Kostenlos putzen, Privatsphäre verkaufen: Münchner Startup startet in NYC

30.05.2026 - 16:01:24 | boerse-global.de

Münchner Start-up Shift sammelt in New York Haushaltsvideos für KI-Training und bietet dafür kostenlose Reinigungen an.

Kostenlos putzen, Privatsphäre verkaufen: Münchner Startup startet in NYC - Foto: über boerse-global.de
Kostenlos putzen, Privatsphäre verkaufen: Münchner Startup startet in NYC - Foto: über boerse-global.de

Münchner Unternehmen bietet kostenlose Haushaltshilfe in New York – im Tausch gegen Videoaufnahmen aus dem Privatleben.

Die Jagd nach Trainingsdaten für die nächste Generation von Haushaltsrobotern verlagert sich zunehmend in die Privatsphäre der Verbraucher. Ein neues Geschäftsmodell macht es möglich: Startups erbringen kostenlose Dienstleistungen und erhalten im Gegenzug das Recht, die dabei entstehenden Aufnahmen zu vermarkten.

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Daten sammeln beim Staubsaugen

Im Zentrum dieser Entwicklung steht Shift, eine Tochtergesellschaft des Münchner Unternehmens MicroAGI. Seit dem 28. Mai 2026 testet die firma ein Programm in New York City: Haushalte erhalten eine professionelle Reinigung – völlig kostenlos. Die Putzkräfte tragen dabei eine spezielle, am Kopf befestigte Kamera, die sogenannte „Magic Hat".

Das Ziel ist simpel: Die Aufnahmen aus der Ich-Perspektive erfassen komplexe Bewegungsabläufe und Interaktionen mit der Umgebung. Diese Daten werden anschließend als Trainingsmaterial an KI- und Robotik-Labore lizenziert. Die Rechnung geht offenbar auf: Bereits im ersten Quartal 2026 zahlte MicroAGI über 4,7 Millionen Euro an mehr als 10.000 Datensammler in 15 Ländern.

Das erst 2025 gegründete Unternehmen, das über fünf Millionen Euro Wagniskapital einsammelte, wird von CEO Bercan Kilic geführt, der zuvor bei Red Bull Racing tätig war. Der US-Geschäftsführer Harry Kilberg spricht bereits von tausenden Buchungen in New York.

Datenschutz: Ein schmaler Grat

Die Verlagerung der Datenerfassung von öffentlichen Plätzen oder Laboren in private Wohnungen wirft erhebliche Datenschutzfragen auf. Shift hat technische Vorkehrungen getroffen: KI-Modelle auf den Aufnahmegeräten sollen sensible Informationen wie Gesichter und Namen anonymisieren, bevor die Daten auf die Unternehmensserver gelangen.

Doch es gibt Haken. Für den europäischen Markt, insbesondere mit Blick auf die DSGVO, könnten die Verfahren problematisch sein. Zudem: Einmal aufgezeichnet und verarbeitet, können Nutzer ihr Filmmaterial nicht mehr löschen lassen. Das Modell erinnert an ähnliche Initiativen wie das Pronto-Programm in Indien, das wegen fragwürdiger Datenschutzpraktiken in die Kritik geriet.

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Die Konkurrenz setzt auf echte Roboter

Während Shift auf menschliche Datensammler setzt, gehen andere Unternehmen direkt in die robotische Dienstleistung. Das Start-up Gatsby aus San Francisco, eine Tochter von West Egg Labs, startete im Mai 2026 einen Reinigungsservice mit humanoiden Robotern. Anders als beim Datentausch-Modell handelt es sich hier um einen Premium-Service mit einer Pauschale von 150 Euro.

Die Roboter erledigen Routineaufgaben autonom. Bei komplexeren Tätigkeiten greifen menschliche Steuerer per Fernwartung ein. Das Unternehmen positioniert sich als datenschutzfreundliche Alternative – schließlich geht es hier um die Dienstleistung selbst, nicht um die massenhafte Sammlung von Trainingsdaten für Dritte.

Expansion geplant – auch nach Europa

Das Daten-gegen-Dienstleistung-Modell soll weiter wachsen. Shift plant, das Gratis-Putzprogramm auf Städte wie London, San Francisco, München, Zürich und Boston auszuweiten. Und es bleibt nicht beim Putzen: Künftig sollen auch spezialisierte Gewerke abgedeckt werden – von Sanitärinstallationen über Kochen bis hin zu Bauarbeiten und Reparaturen.

Solange KI-Labore nach immer vielfältigeren Datensätzen verlangen, um die Geschicklichkeit und Entscheidungsfähigkeit autonomer Systeme zu verbessern, bleibt der kommerzielle Wert alltäglicher Haushaltsaktivitäten hoch. Für die Verbraucher stellt sich die Frage: Ist der kostenlose Putzservice den Preis der eigenen Privatsphäre wert?

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