Krebs und Psyche: Psychotherapie binnen vier Wochen senkt Sterberisiko um 21 Prozent
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 16:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Krebserkrankung bringt neben den körperlichen Belastungen oft erhebliche seelische Herausforderungen mit sich. Um Betroffene bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen, gewinnen strukturierte digitale Interventionen zunehmend an Bedeutung.
Eine randomisierte kontrollierte Studie der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz untersuchte die Wirksamkeit des emotionsbasierten Online-Selbsthilfeprogramms „epos“ für Menschen mit einer Krebserkrankung.
Ergebnisse der Mainzer Untersuchung zum Programm epos
An der Untersuchung der Universitätsmedizin Mainz nahmen insgesamt 308 Krebspatientinnen und -patienten teil. Gefördert wurde das Projekt durch den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Die wissenschaftliche Auswertung erschien im Journal of Affective Disorders unter Beteiligung von Zwerenz R. et al.
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild zur Wirksamkeit des webbasierten Angebots. Bei aktiven Nutzerinnen und Nutzern des Programms verringerten sich depressive und ängstliche Beschwerden stärker als in der zugehörigen Kontrollgruppe. Über die gesamte Stichprobe hinweg erreichte dieser Unterschied allerdings keine statistische Signifikanz.
Zugleich belegte die Untersuchung positive Effekte auf die persönliche Weiterentwicklung der Teilnehmenden: Das Selbsthilfeprogramm förderte unter anderem eine gesteigerte Wertschätzung des eigenen Lebens und half den Betroffenen dabei, neue Perspektiven im Umgang mit der Erkrankung zu gewinnen.
Hoher Bedarf an psychologischer Unterstützung
Wie bedeutsam eine gezielte Begleitung der psychischen Gesundheit bei Krebspatienten ist, unterstreichen auch internationale Erhebungen. Eine auf der Jahrestagung der American Society for Radiation Oncology vorgestellte Analyse von Daten von 265.639 Medicare-Versicherten ab 66 Jahren verdeutlicht das Zusammenspiel von Psyche und Krankheitsverlauf.
Eine Krebsdiagnose stellt das Leben auf den Kopf — und die seelische Belastung bleibt oft unbeachtet. Studien deuten darauf hin, dass eine früh begonnene Psychotherapie mit dem Krankheitsverlauf zusammenhängt. Unser kostenloser Wegweiser zeigt, wie Betroffene und Angehörige zeitnah die passende Begleitung finden. Wegweiser zu Krebs und Psyche jetzt anfordern
Bei den untersuchten Personen mit Brust-, Darm-, Prostata-, Blasen-, Nieren- oder nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) mit Diagnose zwischen 2010 und 2017 lag bei 22 % eine schwere depressive Störung vor. Am häufigsten trat eine Depression bei NSCLC mit 27 % auf, am seltensten bei Prostatakrebs mit 13 %.
Die Analyse ergab zudem, dass an Krebs erkrankte Patienten mit einer Depression ein um 11 % höheres Risiko für krebsbedingte Sterblichkeit aufwiesen. Ein Jahr nach der Diagnose waren 29 % der Betroffenen mit Depression verstorben gegenüber 21 % ohne depressive Störung; nach fünf Jahren betrugen die Raten 43 % gegenüber 35 %.
Gleichzeitig verringerte eine zeitnah begonnene Psychotherapie das Risiko für eine krebsbedingte Sterblichkeit: Erfolgte die Intervention innerhalb von vier Wochen nach der Krebsdiagnose, lag das Risiko um 21 % niedriger; nach acht Wochen betrug die Verringerung 13 % und nach zwölf Wochen 12 %.
Die Fünf-Jahres-Sterblichkeit lag mit Psychotherapie bei 31 % im Vergleich zu 44 % ohne therapeutische Begleitung. Trotz dieses Nutzens nahmen innerhalb der ersten vier Wochen lediglich 3 % der Depressionspatienten an einer Psychotherapie teil, bis zur zwölften Woche waren es 4,6 %.
Viele Krebsbetroffene warten Monate auf psychologische Unterstützung — dabei zählt gerade die Zeit nach der Diagnose. Der Wegweiser bündelt, welche Anlaufstellen es gibt, wie Sie ein Erstgespräch vorbereiten und welche Selbsthilfe-Programme sich bewährt haben. Checkliste für den Weg zur Begleitung sichern
Die Einnahme von Antidepressiva, die bei 32,5 % innerhalb von vier Wochen erfolgte, zeigte hingegen keinen Zusammenhang mit einer niedrigeren krebsspezifischen Mortalität.
Die Befunde verdeutlichen die Bedeutung leicht zugänglicher Interventionen, die Betroffene zeitnah bei der Krankheitsbewältigung unterstützen und Versorgungslücken im Bereich der Psychoonkologie schließen können.
