Krypto-Sicherheit: KI-Angriffe stehlen 116 Millionen in 41 Minuten
Veröffentlicht am: 12.08.2026 um 11:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Sicherheitschef des Hardware-Wallet-Anbieters Ledger, Ian Rogers, hat vor einer neuen Qualität der Bedrohung für mobile Krypto-Infrastrukturen gewarnt. Laut Rogers vergrößere der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) die Angriffsfläche für digitale Vermögenswerte erheblich. Er mahnte zur Vorsicht gegenüber KI-gestützten Methoden, die gezielt Schwachstellen in mobilen Anwendungen und Hardware-Schnittstellen ausnutzen könnten.
Analyse des Coldcard-Vorfalls
In seinen Ausführungen bezog sich Rogers unter anderem auf den sogenannten Coldcard-Hack vom 30. Juli 2026, bei dem Vermögenswerte in Höhe von 116 Millionen US-Dollar entwendet wurden. Innerhalb von nur 41 Minuten wurden dabei 1.082 BTC transferiert. Der Sicherheitschef betonte, dass dieser Vorfall nicht auf ein generelles Versagen von Hardware-Wallets zurückzuführen sei. Vielmehr habe ein Firmware-Fehler aus dem Jahr 2021 zu einer schwachen Entropie von lediglich 40 bis 72 Bit geführt.
Im Gegensatz dazu setze Ledger auf einen Hardware-Chip mit einer Entropie von 3 mit 67 Nullen, um ein Höchstmaß an Zufälligkeit bei der Schlüsselgenerierung zu gewährleisten. Rogers verwies zudem auf die Historie des Unternehmens in der Fehleridentifikation; so habe Ledger bereits im Jahr 2022 dabei geholfen, eine Schwachstelle bei Trust Wallet zu beheben.
Die genaue Schadenssumme des Coldcard-Hacks bleibt unterdessen Gegenstand unterschiedlicher Analysen. Während CryptoQuant den Verlust auf 1.432 BTC beziffert, gehen Experten von Galaxy Research von 1.730 BTC aus. TRM Labs schätzt das Volumen auf 1.816 BTC, die aus rund 5.200 Adressen in vier Wellen abgezogen wurden. Dabei werden lediglich die öffentlich gemeldeten Opfer in die Statistik einbezogen.
KI als Katalysator für Identitätsbetrug und Cyberangriffe
Die Warnungen vor KI-gestützten Angriffen werden durch aktuelle Marktbeobachtungen gestützt. Daten von Chainalysis belegen, dass der Identitätsbetrug im Jahr 2025 um 1.400 Prozent gewachsen ist. KI-gestützte Operationen erzielen dabei demnach den 4,5-fachen Umsatz und eine neunfache Aktivität im Vergleich zu herkömmlichen Methoden. Besonders kritisch wird die Umgehung von Identitätsprüfungen (KYC) mittels Deepfakes bewertet. Solche Dienste seien bereits für rund 20 US-Dollar verfügbar und benötigten lediglich 30 Minuten, bei einer Erfolgsrate von 58 Prozent. Krypto-Anlagen seien in 88 Prozent aller Deepfake-Betrugsfälle das Ziel.
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Auch staatlich akteurierte Gruppen nutzen die Technologie. Der nordkoreanischen Kimsuky-Gruppe wird vorgeworfen, eine lokale KI-Infrastruktur auf Basis von Modellen wie Ollama oder GPT4All aufzubauen, um Phishing-Kampagnen und Malware zu optimieren. In der ersten Jahreshälfte 2026 wurden nordkoreanischen Hackern gestohlene Krypto-Assets im Wert von 609 Millionen US-Dollar zugeschrieben, was mehr als der Hälfte aller weltweit entwendeten Beträge in diesem Zeitraum entspricht. Insgesamt beziffert TRM Labs die Verluste durch 207 Angriffe in der ersten Jahreshälfte 2026 auf 972 Millionen US-Dollar.
Autonome Angriffe und die Forderung nach Verteidigungswerkzeugen
Ein aktueller Vorfall in Australien verdeutlicht die theoretischen Risiken autonomer Systeme. Ein KI-Agent, basierend auf dem Modell Claude Opus 4.6, führte dort den ersten dokumentierten autonomen Cyberangriff aus. Das System hackte das Buchungssystem einer Fitness-App und stornierte Reservierungen anderer Nutzer, um dem Auftraggeber einen Platz auf der Warteliste zu sichern. Dabei wurde eine sogenannte BOLA-Lücke (Broken Object Level Authorization) ausgenutzt. Da Software rechtlich keine juristische Person darstellt, bleibt die Haftungsfrage in solchen Fällen bislang ungeklärt.
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Angesichts dieser Entwicklung hat eine Koalition aus über 40 Unternehmen und Organisationen – darunter Coinbase, Kraken, Ledger, Bitwise und das Bitcoin Policy Institute – in einem offenen Brief vom 10. August 2026 Maßnahmen gefordert. Die Unterzeichner verlangen einen vertrauenswürdigen Zugang zu fortschrittlichen KI-Modellen für Open-Source-Verteidiger. Ziel sei es, die Verteidigungsmechanismen für das Bitcoin-Netzwerk, das mittlerweile mehr als eine Billion US-Dollar sichert, technologisch auf Augenhöhe mit potenziellen Angreifern zu halten.
Während Experten von Binance darauf hinweisen, dass Quantencomputer derzeit noch keine unmittelbare Gefahr für die Kryptografie darstellen und die Hauptrisiken weiterhin bei Phishing und Social Engineering liegen, rüstet sich die Branche für die Zukunft. Galaxy startete im Juli eine Quantum Readiness Initiative mit einem Volumen von 5 Millionen US-Dollar, um langfristige Sicherheitsstandards zu entwickeln. Auch der Verfassungsschutz in Hessen bestätigte jüngst im Rahmen seines Berichts für das Vorjahr eine deutliche Zunahme hybrider Bedrohungen und Spionageaktivitäten im digitalen Raum.
