Kulturelle AktivitÀt: Museumsbesuche verlangsamen biologisches Altern
Veröffentlicht am: 23.08.2026 um 07:19 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Kolumnist Nelio Biedermann, 22 Jahre alt und Autor des Werks "LĂĄzĂĄr", reflektiert in der NZZ am Sonntag ĂŒber einen Verlust, den viele Erwachsene kennen: das Staunen, das in der Kindheit selbstverstĂ€ndlich war und im Erwachsenenleben zunehmend verschwindet.
Kunst, so seine Beobachtung, könne dieses Staunen zurĂŒckholen. Was zunĂ€chst wie eine persönliche Betrachtung wirkt, trifft sich mit einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Befunde, die den Zusammenhang zwischen kultureller AktivitĂ€t, Wahrnehmung und Alterungsprozessen untersuchen.
Kulturelle AktivitÀt und biologisches Altern
Eine Studie des Institute of Science Tokyo, die auf Daten der English Longitudinal Study of Ageing basiert und im August 2026 veröffentlicht wurde, untersuchte Erwachsene ab 50 Jahren. Das Ergebnis: Wer hĂ€ufiger ins Kino, Theater oder Museum geht, zeigt signifikant geringere Anzeichen physiologischen Alterns. Kulturelle Teilhabe erweist sich damit nicht nur als FreizeitvergnĂŒgen, sondern als messbarer Faktor fĂŒr den körperlichen Alterungsprozess.
Was im Gehirn passiert, wenn Kunst berĂŒhrt
Claire Olivia Newman, Expertin fĂŒr NeuroĂ€sthetik, erklĂ€rte, dass Kunst neuronale Muster aktiviert, die unter anderem das Belohnungssystem und Emotionen ansprechen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte demnach, dass abstrakte Werke, die Erwartungen brechen, die Aufmerksamkeit von Betrachtern erhöhen.
Genau jenes Moment der Erwartungsverletzung dĂŒrfte es sein, das dem von Biedermann beschriebenen Staunen zugrunde liegt: Der Reiz entsteht dort, wo das Vertraute durchbrochen wird.
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Gemeinschaft als Jungbrunnen â auch jenseits klassischer Kunstformen
Dass Staunen und Wohlbefinden nicht an Museen oder TheatersĂ€le gebunden sind, zeigt eine Studie der UniversitĂ€t Leeds mit 136 Frauen im Alter zwischen 40 und 65 Jahren. 91 Prozent der Befragten gaben an, dass Clubbesuche sich positiv auf ihr Wohlbefinden auswirken â vor allem wegen der Musik, der Freundschaften und des GemeinschaftsgefĂŒhls.
Allerdings zeigt die Studie auch eine Schattenseite: 7,3 Prozent der Befragten berichteten von negativen Kommentaren wegen ihres Alters, und 21 Prozent hatten das GefĂŒhl, sie sollten solche Orte nicht mehr besuchen.
Eine im Rahmen derselben Studie durchgefĂŒhrte Umfrage ergab zudem, dass ein Alter von 69 Jahren gesellschaftlich bereits als "alt" gilt â ein Befund, der zeigt, wie stark Ă€uĂere Zuschreibungen das eigene Erleben von Alter und Lebensfreude beeinflussen können.
Humor und Kunst als BrĂŒcke im hohen Alter
Wie wichtig unmittelbare, sinnliche Erfahrungen auch im hohen Alter bleiben, zeigt die Arbeit des Vereins Comedicus, der im August 2026 sein zehnjĂ€hriges Bestehen feierte. Professionelle Clowns besuchen im Rahmen sogenannter Humorvisiten regelmĂ€Ăig rund 80 Seniorenheime in SĂŒdtirol, unterstĂŒtzt von der Stiftung SĂŒdtiroler Sparkasse.
PrĂ€sident Erich Meraner steht dem Verein vor, dessen Arbeit exemplarisch dafĂŒr steht, wie gezielte kulturelle und humorvolle Impulse selbst in der letzten Lebensphase Freude und Ăberraschung ermöglichen können.
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Auch in der Literatur ist das Thema prĂ€sent: Ewald Arenz erreichte mit seinem Roman "FĂŒnf, sechs, sieben, acht" Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, aktuell steht das Buch auf Platz 6. Es erzĂ€hlt von einem 60-jĂ€hrigen StepptĂ€nzer, der von seiner Tochter ersetzt wird und ĂŒber sein verpasstes Leben nachdenkt.
IldikĂł von KĂŒrthys im Februar 2026 erschienener Roman "Alt genug" thematisiert das Ălterwerden aus der Ich-Perspektive. Auch die Ausstellung "Blind Date" im Grand Hotel Heiligendamm, bei der Prominente Kunst mit Schlafbrillen betrachten, um Wahrnehmung und MobilitĂ€t neu zu erfahren, reiht sich in diese Beobachtung ein: Mit ĂŒber 50 beteiligten KĂŒnstlern verfolgt sie das Ziel, gewohnte Sinneswahrnehmungen zu durchbrechen.
Ein gemeinsamer Nenner
So unterschiedlich Kolumne, Studien, Vereinsarbeit und Kunstprojekte auch anmuten â sie verweisen auf ein gemeinsames Motiv: Staunen ist keine Eigenschaft, die mit der Kindheit endet, sondern ein Zustand, der sich durch bewusste kulturelle, soziale und kĂŒnstlerische Erfahrungen wieder herstellen lĂ€sst.
Ob im Museum, im Club oder im GesprĂ€ch mit einem Clown im Seniorenheim â die FĂ€higkeit, sich ĂŒberraschen zu lassen, scheint eng mit Wohlbefinden und, wie die Tokioter Studie nahelegt, sogar mit dem biologischen Alterungsprozess verknĂŒpft zu sein.
