Langlebigkeit: 117-JĂ€hrige war biologisch 23 Jahre jĂŒnger
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 08:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der gesellschaftliche Diskurs ĂŒber das Altern verschiebt sich zunehmend von der reinen Behandlung von Krankheiten hin zur proaktiven Gestaltung der Langlebigkeit. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Forschungsinstitute und demografische Kalkulationsmodelle verdeutlichen, dass gesundes Alter eine Kombination aus individueller biologischer Disposition, gezieltem Lebensstil und rechtzeitiger struktureller Vorsorge erfordert.
Forschung und molekulare IndividualitÀt
Die Wissenschaft nÀhert sich dem PhÀnomen des Alterns auf immer detailliertere Weise. In St. Gallen nimmt das neue Hirnforschungsinstitut ISAB (Institute for the Science of the Aging Brain) unter der Leitung von Adriano Aguzzi seine Arbeit auf. Der Kanton fördert das Vorhaben im Zeitraum von 2026 bis 2030 mit insgesamt 1,25 Millionen Franken.
Mit einer LaborflÀche von 500 Quadratmetern konzentriert sich das Institut, das mittelfristig 35 bis 40 Mitarbeiter beschÀftigen soll, auf die Erforschung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson sowie auf Prionenforschung.
Dass der Alterungsprozess auf molekularer Ebene höchst individuell verlĂ€uft, zeigt eine Untersuchung des King's College London, ĂŒber die im September 2026 berichtet wurde. In der Studie wurden 335 Frauen ĂŒber einen Zeitraum von bis zu acht Jahren beobachtet.
Die Ergebnisse belegen signifikante VerĂ€nderungen bei mehr als 5000 Genen und 181 Metaboliten ĂŒber einen Median von sechs Jahren. Besonders auffĂ€llig waren die sinkende AktivitĂ€t des Gens TP53 sowie stark variierende Werte des Proteins CXCL9.
Ein extremes Beispiel fĂŒr biologische Resilienz lieferte die Untersuchung einer im Jahr 2024 verstorbenen 117-jĂ€hrigen Frau. Laut einem Bericht in Cell Reports Medicine lag ihr biologisches Alter laut epigenetischen Uhren etwa 23,17 Jahre unter ihrem tatsĂ€chlichen Alter.
Trotz extrem kurzer Telomere wies sie keine schweren Alterskrankheiten auf, was Forscher unter anderem auf eine vorteilhafte Zusammensetzung der Darmflora mit vielen Bifidobakterien und geringe EntzĂŒndungswerte zurĂŒckfĂŒhrten.
PrÀvention durch Lebensstil und Training
Expertinnen wie die Altersforscherin Daniela S. Jopp von der UniversitÀt Lausanne betonen, dass Fitness im hohen Alter oft auf hoher Resilienz, moderater Kalorienzufuhr und Alltagsbewegung basiert.
Dr. Alexandra Löwe von der IST-Hochschule bestĂ€tigt, dass vor allem Ausdauer- und Krafttraining, eine pflanzenbetonte ErnĂ€hrung sowie eine feste Schlafroutine evidenzbasierte Faktoren fĂŒr Longevity sind. Sie warnt hingegen davor, dass fĂŒr Biohacking und viele NahrungsergĂ€nzungsmittel bislang die wissenschaftliche Evidenz fehle.
Sportwissenschaftler wie Billy Sperlich identifizieren die maximale Sauerstoffaufnahme (VO?max) und die Handgriffkraft als entscheidende Marker fĂŒr ein langes, gesundes Leben. Erste körperliche Anpassungen seien bereits nach acht bis zehn Wochen Training messbar.
Ab dem 50. Lebensjahr verliert der Körper kontinuierlich an Muskelmasse, was weitreichende Folgen fĂŒr die MobilitĂ€t im Alter haben kann. Wie Sie mit nur sechs gezielten Ăbungen fĂŒr zuhause effektiv gegensteuern, erfahren Sie in diesem kostenlosen Ratgeber. 6 einfache Krafttrainings-Ăbungen als Gratis-PDF sichern
Dass hohe LeistungsfĂ€higkeit bis ins Alter möglich ist, belegte der Sommer 2026 beim Hardrock 100: Der 51-jĂ€hrige Ludo Pommeret verbesserte den Streckenrekord um mehr als 20 Minuten. Eine australische Studie mit Teilnehmern in einem Durchschnittsalter von 72 Jahren unterstreicht zudem, dass hochintensives Intervalltraining (HIIT) besonders effektiv fĂŒr den Erhalt der Muskelmasse sei.
Im Bereich der allgemeinen Gesundheitsvorsorge rĂŒcken spezifische Risikofaktoren in den Fokus. Die Alzheimer Forschung Initiative verweist auf einen Bericht der Lancet Commission aus dem Jahr 2024, wonach 14 modifizierbare Risikofaktoren existieren.
Rund 45 Prozent der weltweiten DemenzfĂ€lle seien demnach theoretisch verzögerbar oder verhinderbar, wobei auch unbehandelte Hör- und Sehprobleme eine Rolle spielen. Die Organisation Healthcare Frauen e.V. weist zudem im Rahmen der #GoRed-Kampagne darauf hin, dass ĂŒber die HĂ€lfte der Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen mit fĂŒnf beeinflussbaren Faktoren zusammenhĂ€ngt.
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Demografie und finanzielle Absicherung
Mit der steigenden Lebenserwartung wĂ€chst die Notwendigkeit einer prĂ€zisen Lebensplanung. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) stellt hierfĂŒr einen Rechner bereit, der auf Basis der Generationensterbetafel die statistische Lebenserwartung ermittelt. Dr. Volker Priebe von der DAV betont, dass die verbleibende Lebenszeit oft unterschĂ€tzt werde.
Diese Entwicklung hat massive Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme. Hartwig Löger, Generaldirektor der VIG, wies im September 2026 darauf hin, dass sich das VerhÀltnis von ErwerbstÀtigen zu Pensionisten in den letzten zwei Jahrzehnten von 3:1 auf 2:1 verschlechtert habe. Er fordert daher ein flexibleres Renteneintrittsalter, das an die Lebenserwartung gekoppelt ist, sowie eine stÀrkere private Vorsorge.
Experten raten in diesem Zusammenhang dazu, Risiko- und Altersvorsorge strikt zu trennen und beispielsweise bei BerufsunfÀhigkeitsversicherungen eine Deckung von 70 bis 90 Prozent des Nettoeinkommens anzustreben.
ZusĂ€tzlich zur individuellen Ebene gewinnen regionale Modellprojekte an Bedeutung. Im Berchtesgadener Land wird im Rahmen eines zweijĂ€hrigen Projekts untersucht, wie Hitzeschutz, ErnĂ€hrung und mentale Gesundheit fĂŒr PflegebedĂŒrftige verbessert werden können. Orte wie Bad Wörishofen erweitern zudem ihr traditionelles Angebot um moderne Formate wie Schlafkuren und HeilwĂ€lder, um der steigenden Nachfrage nach PrĂ€ventionsangeboten gerecht zu werden.
