Langlebigkeit: Geriater fordern validierte Biomarker statt Altersuhren
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 20:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der Debatte über das Altern gewinnt die Steigerung der gesunden Lebensspanne gegenüber der bloßen Maximierung der Lebensdauer zunehmend an Bedeutung.
Auf dem gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (DGGG), der vom 23. bis zum 26. September 2026 in Frankfurt am Main stattfand, rückten Experten wissenschaftlich fundierte Ansätze zur Langlebigkeit in den Mittelpunkt.
Wie die DGG in einem Bericht vom 8. Oktober 2026 darlegte, plädierte der Longevity-Forscher Prof. Dr. Brian Kennedy, Direktor des Centre for Healthy Longevity an der National University of Singapore, vor Ort für wissenschaftlich validierte Biomarker und personalisierte Präventionskonzepte.
Wissenschaftliche Validierung statt pauschaler Heilsversprechen
Kennedy warnte in seinem Vortrag vor voreiligen Schlüssen aus kommerziellen Tests. Wenn ein Verfahren einem Menschen ein biologisches Alter von 55 statt 62 Jahren bescheinige, belege dies keineswegs, dass die betreffende Person tatsächlich sieben Jahre langsamer altere.
Maßgeblich sei vielmehr, ob ein Biomarker wissenschaftlich validiert ist und sich die Wirksamkeit einer medizinischen Intervention objektiv überprüfen lässt. In seiner Forschung analysiert Kennedy ein breites Spektrum an Parametern, darunter epigenetische Marker, Proteine, Stoffwechsel- und Entzündungswerte sowie physiologische und funktionelle Messgrößen.
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Für viele derzeit diskutierte Medikamente und sogenannte Altersuhren fehlten bislang belastbare Langzeitdaten beim Menschen. Eine universelle Pille für Langlebigkeit gebe es nicht.
Stattdessen müsse Prävention personalisiert anhand des individuellen Risikoprofils gestaltet werden – etwa über körperliche Bewegung, den Erhalt der Muskelkraft, angepasste Ernährung sowie die gezielte Behandlung von Bluthochdruck oder Stoffwechselstörungen.
DGGG-Kongresspräsident Prof. Hans-Werner Wahl unterstrich diese Haltung und forderte, die medizinische Aufmerksamkeit verstärkt auf Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität zu richten.
Als internationales Beispiel diente Singapur, wo jeder fünfter Einwohner über 65 Jahre alt ist und die Lebenserwartung bei Geburt im Jahr 2025 bei fast 84 Jahren lag. Dort setzen staatliche Programme wie „Healthier SG“ und „Age Well SG“ frühzeitig auf präventive Strukturen.
Breiter Fachaustausch zu den Herausforderungen des Alterns
Der gemeinsame Kongress auf dem Campus der Goethe-Universität Frankfurt am Main versammelte knapp 1.200 Teilnehmende und verzeichnete damit einen deutlichen Zuwachs im Vergleich zu früheren gemeinsamen Veranstaltungen. Das Programm umfasste Hauptvorträge von Fachleuten aus sieben Ländern sowie rund 100 Symposien und Sitzungen.
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Die Schwerpunkte lagen auf dem demografischen Wandel, medizinischen Innovationen und technologischen Umbrüchen in der Altersmedizin. Die Kongresspräsidenten Prof. Michael Denkinger (DGG) und Prof. Dr. Hans-Werner Wahl werteten die kontinuierlich hohe Beteiligung sowie das Engagement des wissenschaftlichen Nachwuchses als wichtiges Signal für das Fachgebiet.
Zum Abschluss der Tagung wurden 101 wissenschaftliche Poster und drei Kurzvortragssitzungen präsentiert. Vier gleichberechtigte Posterpreise, jeweils dotiert mit 300 Euro, zeichneten Arbeiten zu den Themen präklinische Notfallversorgung, psychische Gesundheit im Alter, Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt aus.
Multimodale Prähabilitation: Forschungspreis für das Projekt OP-CAMP
Ein konkretes Anwendungsbeispiel für die Erhaltung funktioneller Fähigkeiten im Alter bildete das Forschungsprojekt OP-CAMP von Dr. med. Nina Neuendorff vom Marien Hospital Herne. Das Vorhaben wurde im Rahmen des Kongresses mit dem erstmals verliehenen Förderpreis der Max und Ingeburg Herz Stiftung ausgezeichnet. Der mit 70.000 Euro dotierte Preis gilt als höchstdotierte Forschungsförderung in der Altersmedizin.
Das Projekt untersucht, ob eine gezielte Operationsvorbereitung bei gastrointestinalen Tumoren älteren und gebrechlichen Patienten dabei hilft, die körperliche Leistungsfähigkeit vor dem Eingriff zu stabilisieren oder zu verbessern.
Das Konzept sieht eine zweiwöchige multimodale Prähabilitation in einer geriatrischen Tagesklinik vor. Diese umfasst strukturiertes Kraft- und Ausdauertraining, Atemtherapie, Ernährungsoptimierung, eine Überprüfung der aktuellen Medikation sowie psychologische Unterstützung.

