Lehrerbelastung, Gewerkschaften

Lehrerbelastung: Gewerkschaften warnen vor psychischer Überlastung

Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 01:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine IW-Studie beziffert mögliche Personalreserven, wĂ€hrend VerbĂ€nde vor Überlastung warnen und bessere Bedingungen fĂŒr LehrkrĂ€fte verlangen.
Ein leeres Klassenzimmer mit Holztischen und einem leeren Tafelbereich im sanften Nachmittagslicht. Illustration mit AI erstellt.

Die Personallage im deutschen Bildungswesen bleibt angespannt. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zur Mobilisierung von Arbeitszeitreserven im öffentlichen Dienst hat Anfang September 2026 eine kontroverse Diskussion ĂŒber die Ursachen des FachkrĂ€ftemangels und den Gesundheitsschutz von LehrkrĂ€ften ausgelöst.

WĂ€hrend die Ökonomen in einer Ausweitung der Arbeitszeit ein erhebliches Potenzial zur Schließung von PersonallĂŒcken sehen, warnen LehrerverbĂ€nde vor einer weiteren VerschĂ€rfung der psychischen Belastung.

Theoretische Reserven versus praktische Belastungsgrenzen

Das Institut der deutschen Wirtschaft legte in einer Studie dar, dass eine vollstĂ€ndige Umstellung aller TeilzeitbeschĂ€ftigten im öffentlichen Dienst auf Vollzeit rechnerisch 634.000 zusĂ€tzliche VollzeitĂ€quivalente schaffen könnte. Dies entsprĂ€che nahezu exakt der vom Beamtenbund bezifferten PersonallĂŒcke von 631.000 Stellen.

Besonders im Bildungssektor identifizierte das IW hohe KapazitÀten: Allein an den Schulen könnten durch eine Vollzeitumstellung theoretisch 153.000 zusÀtzliche Stellen generiert werden, in KindertagesstÀtten wÀren es rund 55.000, was einer Steigerung des Arbeitsvolumens um 25 Prozent entsprÀche.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) wies diese Berechnungen jedoch Anfang September 2026 als unzulĂ€ssige Vereinfachung zurĂŒck. Aus Sicht des Verbandes sei die verbreitete TeilzeitbeschĂ€ftigung nicht die Ursache des Personalmangels, sondern vielmehr eine notwendige Reaktion der LehrkrĂ€fte auf eine drohende Überlastung.

Die Reduzierung der Stunden diene in vielen FĂ€llen dem individuellen Gesundheitsschutz, um den steigenden Anforderungen des Berufsalltags standzuhalten. Statt einer KĂŒrzung von Teilzeitmöglichkeiten forderte der Verband eine grundlegende Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Regionale Unterschiede und strukturelle Herausforderungen

Die Untersuchung des IW zeigt deutliche regionale Unterschiede bei den potenziellen Arbeitszeitreserven auf. Die grĂ¶ĂŸten KapazitĂ€ten fĂŒr eine Vollzeitumstellung werden in Bayern mit 129.800, in Nordrhein-Westfalen mit 115.100 und in Baden-WĂŒrttemberg mit 111.300 möglichen VollzeitĂ€quivalenten verortet. Bei einer Angleichung an das Niveau von Sachsen-Anhalt lĂ€ge das Potenzial bundesweit immer noch bei 294.000 Stellen.

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In Nordrhein-Westfalen mahnte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an, dass reine QuantitÀt nicht ausreiche. Trotz der Einstellung von 12.000 zusÀtzlichen BeschÀftigten seit 2022 bestehe weiterhin ein massiver FachkrÀftemangel.

Die Gewerkschaft kritisierte zudem QualitĂ€tsdefizite beim Ausbau des Ganztagsangebots. Ein Ganztagsplatz dĂŒrfe kein bloßer „Parkplatz“ sein; stattdessen forderte die Organisation einen auf zehn Jahre angelegten Plan fĂŒr Bildungssicherheit mit verlĂ€sslicher Finanzierung.

Rechtliche Auseinandersetzungen um Besoldung und Arbeitszeit

Neben der Arbeitszeitgestaltung belasten auch Fragen der Besoldungsstruktur das Klima in den Schulen. In Nordrhein-Westfalen haben der VBE und der Verband Lehrer NRW Musterklagen gegen die aktuelle Besoldungsreform eingeleitet. Sie kritisieren, dass durch die Eingangsbesoldung nach A13 die AttraktivitÀt von BeförderungsÀmtern entwertet werde.

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Auch die GEW NRW wies darauf hin, dass TarifbeschĂ€ftigte durch die Reform Stufenlaufzeiten verlieren wĂŒrden, wĂ€hrend verbeamtete LehrkrĂ€fte profitierten.

In Berlin zogen PersonalrĂ€te vor Gericht, um eine verbindliche Arbeitszeiterfassung durchzusetzen, nachdem entsprechende Verhandlungen blockiert worden waren. Die dortige GEW bewertete ein im Mai 2026 beschlossenes Entlastungspaket zwar als Erfolg, da es zusĂ€tzliche Stellen fĂŒr rund 140 Grundschulen sowie AltersermĂ€ĂŸigungen vorsieht, betonte jedoch, dass dies noch keinen endgĂŒltigen Durchbruch darstelle.

Maßnahmen zur Entlastung und QualitĂ€tssteigerung

Einige Regionen versuchen, der Belastung durch gezielte Investitionen entgegenzuwirken. Hessen kĂŒndigte Ende August 2026 ein Bildungspaket im Umfang von 50 Millionen Euro an, das die Schaffung von 680 zusĂ€tzlichen Lehrerstellen vorsieht. Damit sollen unter anderem neue UnterrichtsfĂ€cher wie „KI und Digitale Welt“ sowie zusĂ€tzliche Deutschstunden abgedeckt werden.

Ein alternatives Modell zur Entlastung wird Ende September 2026 im Schweizer Kanton ZĂŒrich zur Abstimmung gestellt. Das dortige neue Lehrpersonalgesetz sieht vor, die Vor- und Nachbereitungszeit pro Unterrichtslektion leicht zu erhöhen und das Zeitbudget fĂŒr Klassenlehrpersonen von 100 auf 160 Stunden jĂ€hrlich anzuheben.

Die geplanten Mehrkosten von 83 Millionen Franken werden jedoch von Teilen der Politik und zahlreichen Gemeinden aufgrund der finanziellen Belastung abgelehnt. Diese internationalen und regionalen Entwicklungen verdeutlichen, dass die Debatte um die Arbeitszeit von LehrkrÀften untrennbar mit der Frage nach der langfristigen psychischen Gesundheit des Personals und der QualitÀt des Bildungssystems verbunden bleibt.

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