Lese-Schreibschwäche, Millionen

Lese-Schreibschwäche: 6,2 Millionen Deutsche brauchen KI-Unterstützung

Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 12:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de

KLAO testet ein KI-Plugin für Leichte Sprache, während Studien digitale Bildungsbarrieren und Risiken einer zu starken Denkentlastung zeigen.

KLAO entwickelt KI-Übersetzung für zertifizierte Leichte Sprache
Ein minimalistischer Arbeitsplatz mit einem ausgeschalteten Tablet auf einem Holztisch bei natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Der Einsatz künstlicher Intelligenz zur Förderung der Barrierefreiheit gewinnt an wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Während das Würzburger Startup KLAO mit einer automatisierten Übersetzungslösung für zertifizierte Leichte Sprache den Markt adressiert, verdeutlichen aktuelle Studien der OECD und der Universität Paderborn die weiterhin bestehenden Hürden beim Zugang zu digitaler Bildung und Kommunikation.

In Deutschland sind schätzungsweise 6,2 Millionen Menschen von erheblichen Lese- und Schreibschwierigkeiten betroffen. Um diese Barriere abzubauen, hat das Würzburger Startup KLAO eine Technologie entwickelt, die Texte mittels künstlicher Intelligenz (KI) in zertifizierte Leichte Sprache übersetzt.

Das Unternehmen befindet sich derzeit mit einem entsprechenden Plugin in der Pilotphase. Die Markteinführung im öffentlichen Sektor ist jedoch mit spezifischen Herausforderungen verbunden; so beziffert das Startup die typischen Verkaufszyklen in diesem Bereich auf fünf fe sechs Monate.

Bildungskluft und technologische Hürden

Die Notwendigkeit für solche Assistenzsysteme wird durch Daten der OECD und der Universität Hamburg untermauert. Laut der PIAAC-Studie 2022/23 verfügen rund 10,6 Millionen Erwachsene im Alter zwischen 16 und 65 Jahren in Deutschland über eine geringe Literalität.

Obwohl KI-Anwendungen und Smartphones theoretisch erhebliche Unterstützungspotenziale bieten, zeigt eine OECD-Analyse aus dem Jahr 2023, dass gerade Personen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen seltener über die notwendigen Endgeräte, Datentarife oder die erforderliche Unterstützung verfügen. Zudem bestehen bei gängigen Assistenten häufig Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes.

Ergänzend dazu belegt eine Auswertung der ICILS-Studie 2023 durch die Universität Paderborn eine soziale Kluft bei der digitalen Teilhabe von Achtklässlern. Während 98,8 Prozent der Schüler aus dem obersten sozialen Viertel zu Hause Zugang zu digitalen Geräten haben, sind es im untersten Viertel 90,7 Prozent.

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Die Kompetenzdifferenz zwischen diesen Gruppen wurde mit 95 Punkten beziffert. Forscher fordern daher, digitale Bildung verstärkt als Aufgabe der Schulentwicklung wahrzunehmen.

Staatliche Investitionen und schulische Programme

Um den Defiziten in der Grundbildung zu begegnen, setzen Bundesländer wie Hessen und Nordrhein-Westfalen auf umfangreiche Förderpakete. Hessen investiert im Rahmen eines Bildungschancenpakets 50 Millionen Euro und schafft bis zum Ende der Legislaturperiode 680 zusätzliche Lehrerstellen.

Geplant ist unter anderem eine zusätzliche Deutschstunde in der ersten Klasse sowie eine tägliche Lesezeit in den Klassenstufen drei und vier, die ab dem Schuljahr 2028/29 flächendeckend umgesetzt werden soll.

In Nordrhein-Westfalen startete das Schuljahr 2026/27 für fast 2,5 Millionen Schüler an 5.400 Schulen. Hier kommen verstärkt Lernstandserhebungen und digitale Feedback-Tools zum Einsatz, die ab dem Schuljahr 2027/28 verbindlich vorgeschrieben sind.

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Auch im privaten Sektor etablieren sich Lösungen: Die Plattform LernMax, deren KIMARO-Kompetenzdiagnose individuelle Übungen erstellt, verzeichnete im Schuljahr 2025/26 rund 260.000 Schülerkonten an 700 Schulen in Deutschland und Österreich.

Forschung warnt vor kognitiver Entlastung

Trotz der Vorteile digitaler Helfer weisen Erziehungswissenschaftler der Universität Zürich (UZH) auf Risiken hin. Im OECD Digital Education Outlook 2026 betonen die Forscher Schneider und Weidlich das Phänomen des sogenannten „Cognitive Offloading“.

Eine zu intensive Nutzung von KI könne dazu führen, dass Denkprozesse zu stark ausgelagert werden, was das metakognitive Engagement schwäche. Sie empfehlen daher explizite KI-freie Phasen und eine Neuausrichtung von Prüfungsformaten, die den Entstehungsprozess statt nur das Endprodukt bewerten.

Parallel zu spezialisierten Startups wie KLAO erweitern auch globale Technologiekonzerne ihre Barrierefreiheits-Angebote. Google kündigte Updates für sein Betriebssystem Android an, darunter eine verbesserte Bildbeschreibung durch die KI Gemini in TalkBack sowie eine erweiterte Spracherkennung im Rahmen des Project Euphonia, das nun auch zehn afrikanische Sprachen unterstützt.

Die Universität Siegen entwickelt unterdessen mit dem „KRAFT+-Agent“ einen KI-Coach für Lehrkräfte, der es ermöglicht, eigene Assistenzsysteme ohne Programmierkenntnisse zu erstellen.

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