ME/ CFS in Deutschland: 600.000 Betroffene kÀmpfen um Diagnose
Veröffentlicht am: 17.08.2026 um 04:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Sicherstellung diagnostischer QualitÀtsstandards in der Psychiatrie steht vor erheblichen Herausforderungen. Aktuelle Untersuchungen am Beispiel der UniversitÀren Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel zeigen systematische Defizite bei der AbklÀrung von Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitÀtsstörungen (ADHS) auf.
Ăber einen Zeitraum von mehreren Jahren wurden dort komplexe diagnostische Prozesse teilweise an Personal ohne die erforderliche klinische Erfahrung delegiert.
Unzureichende fachliche Aufsicht bei Diagnosestellungen
An den UPK Basel wurden ADHS-AbklĂ€rungen ĂŒber Jahre hinweg weitgehend eigenstĂ€ndig von Praktikanten durchgefĂŒhrt, denen es an grundlegender klinischer Erfahrung mangelte. Die Klinik rĂ€umte ein, dass dieses Verfahren bis zum Sommer 2026 gĂ€ngige Praxis war.
In diesem Modell fĂŒhrten die Praktikanten die Untersuchungen durch, wĂ€hrend die abschlieĂenden Diagnosen von einer verantwortlichen Psychologin lediglich unterzeichnet wurden, ohne dass eine hinreichende persönliche Einbeziehung in den Untersuchungsprozess sichergestellt war.
Trotz dieser prozeduralen MĂ€ngel erklĂ€rte die Klinikleitung, dass bisher keine FĂ€lle von Fehldiagnosen bekannt geworden seien. Dennoch kĂŒndigten die UPK Basel an, die Betreuung und Supervision von Praktikanten mit sofortiger Wirkung zu intensivieren, um die fachliche QualitĂ€t der AbklĂ€rungen kĂŒnftig besser abzusichern.
Versicherungsrechtliche und politische Konsequenzen
Das Vorgehen der Klinik hat bereits Auswirkungen auf die AbrechnungsmodalitĂ€ten und die politische Debatte in der Schweiz. Der Versicherer Prioswiss stufte die bisherige Praxis der ADHS-AbklĂ€rungen durch Praktikanten als unzulĂ€ssig fĂŒr eine Abrechnung ĂŒber die obligatorische Grundversicherung ein. Damit steht die rechtmĂ€Ăige VergĂŒtung dieser Leistungen der vergangenen Jahre infrage.
Auf politischer Ebene löste der Fall Forderungen nach parlamentarischen Konsequenzen aus. Die SP-NationalrĂ€tin Sarah Wyss forderte eine umfassende Untersuchung der VorfĂ€lle. Parallel dazu prĂŒft die SVP die Einreichung eines Vorstosses, um die Aufsicht ĂŒber psychiatrische Institutionen und deren Ausbildungspraktiken zu verschĂ€rfen.
Systemische Herausforderungen in der Diagnostik chronischer Erkrankungen
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Der Fall in Basel verdeutlicht die KomplexitĂ€t bei der Diagnose chronischer und psychiatrischer Leiden. WĂ€hrend prozedurale MĂ€ngel die QualitĂ€t gefĂ€hrden, stehen Behandler in vielen Bereichen vor steigenden Fallzahlen und methodischen HĂŒrden.
So sind etwa Endometriose-Diagnosen in den letzten zwei Jahren um bis zu 200 Prozent gestiegen. Experten fĂŒhren dies auf ein gestiegenes Bewusstsein zurĂŒck, betonen jedoch, dass die Diagnose aufgrund jahrelanger Verzögerungen weiterhin eine Herausforderung bleibt.
Ăhnliche Schwierigkeiten zeigen sich bei Krankheitsbildern wie ME/CFS. In Deutschland leben SchĂ€tzungen zufolge ĂŒber 600.000 Menschen mit dieser Erkrankung. In ThĂŒringen machten Betroffene im August 2026 mit einer Aktion von 15.000 aufgehĂ€ngten Socken auf die geschĂ€tzte Zahl der FĂ€lle im Bundesland aufmerksam.
Die Diagnose bleibt oft schwierig: Im Fall einer Betroffenen aus dem MĂŒhlviertel erfolgte die Diagnose ME/CFS erst im April 2026, nachdem sie ihre berufliche TĂ€tigkeit bereits aufgeben musste.
Diskrepanz zwischen Bedarfsplanung und RealitÀt
Die Problematik wird durch strukturelle EngpĂ€sse verschĂ€rft. In Berlin beispielsweise besteht laut offizieller Bedarfsplanung eine rechnerische Ăberversorgung von 166 Prozent im Bereich der Psychotherapie.
Dennoch bleibt die Suche nach einem Therapieplatz fĂŒr Patienten schwierig, da die Planungsgrundlagen teilweise noch auf Daten aus dem Jahr 1999 basieren. In der Zwischenzeit haben sich die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen seit dem Jahr 2000 verdoppelt.
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ZusĂ€tzlich erschweren rechtliche HĂŒrden die Situation fĂŒr chronisch Kranke. Das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen entschied in einem Urteil vom 23. Juni 2025 (Az. L 2 R 66/24), dass chronische Schmerzen allein keinen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente begrĂŒnden, sofern ein Leistungsvermögen von mindestens sechs Stunden auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt besteht.
Auch das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen hob in einem Verfahren (Az. L 4 R 938/19) ein vorinstanzliches Urteil auf, da eine dauerhafte EinschrÀnkung des Leistungsvermögens unter sechs Stunden im Zeitraum von Juli 2018 bis Juni 2021 nicht hinreichend belegt war.
