ME/ CFS: Mehr als 650.000 Menschen betroffen, Versorgung bleibt katastrophal
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 06:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDreieinhalb Jahre nach dem Ende der Corona-Pandemie sehen Patientenorganisationen und Wissenschaftler kaum Verbesserungen bei der medizinischen Betreuung von Betroffenen mit postinfektiösen Erkrankungen. Sie kritisieren die Versorgungssituation fĂŒr Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) sowie Long Covid als weiterhin katastrophal.
Gravierende VersorgungslĂŒcken und Gefahr von Fehlbehandlungen
Nach EinschĂ€tzung von Experten und BetroffenenverbĂ€nden stehen fĂŒr die Erkrankungen bislang keine zugelassenen Arzneien zur VerfĂŒgung, und wirksame Medikamente seien weiterhin nicht in Sicht. Auch die genaue Zahl aller Betroffenen bleibe unklar. Fachleute bemĂ€ngeln zudem, dass Fehlbehandlungen weit verbreitet seien. Neben Problemen durch anhaltende Stigmatisierung stoĂen auch empfohlene Off-Label-Verschreibungen auf Kritik.
Ein gravierendes Problem stellt nach Angaben von Experten zudem die klassische Rehabilitation dar: Da bei vielen Patienten bereits geringe körperliche oder geistige Anstrengungen zu einer dauerhaften Verschlechterung des Gesamtzustands fĂŒhren können, erweisen sich herkömmliche Reha-MaĂnahmen fĂŒr Betroffene oft als schĂ€dlich.
Die Weltgesundheitsorganisation stuft ME/CFS bereits seit 1969 als neurologische Erkrankung ein, dennoch fehlen vielerorts zielgerichtete BehandlungsansÀtze.
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Schwere EinschrÀnkungen im Alltag der Betroffenen
Wie tiefgreifend die Einschnitte im Leben der Erkrankten sind, zeigen Erhebungen von Selbsthilfe- und FachverbĂ€nden. Nach aktuellen SchĂ€tzungen der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ME/CFS leiden allein in Deutschland mehr als 650.000 Menschen an ME/CFS.
Die Erkrankung zieht erhebliche soziale und ökonomische Folgen nach sich: Rund 60 Prozent der Betroffenen gelten als arbeitsunfÀhig. Zudem ist das Krankheitsbild bei vielen Patienten so schwer ausgeprÀgt, dass jeder Vierte das Haus nicht mehr verlassen kann. Eine anerkannte Heilung gibt es bis heute nicht.
MĂ€ngel in der Ausbildung und Stand der Therapieforschung
Auf die strukturellen Defizite im Gesundheitssystem weist auch Carmen Scheibenbogen von der Berliner Charité hin. Sie bewertet die derzeitige Versorgungslage als unzureichend.
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Als wesentliche Ursache fĂŒhrt die Medizinerin an, dass ME/CFS ĂŒber Jahrzehnte hinweg in der medizinischen Ausbildung vernachlĂ€ssigt und fĂ€lschlicherweise psychologisiert worden sei. Infolgedessen fehle es im ambulanten und stationĂ€ren Bereich sowohl an entsprechend geschulten Ărzten als auch an spezialisierten Versorgungsstrukturen.
Mangels heilender Arzneimittel konzentriert sich die Wissenschaft derzeit auf experimentelle BehandlungsansÀtze. Scheibenbogens Forschungsgruppe untersucht unter anderem Medikamente, die Auto-Antikörper-produzierende Zellen entfernen sollen. Erste Ergebnisse nach dem Einsatz der sogenannten Immunadsorption hÀtten demnach bei einem Teil der behandelten Patienten deutliche Verbesserungen gezeigt.
Derzeit laufen gröĂere Placebo-kontrollierte Studien, deren Ergebnisse fĂŒr das Jahr 2028 erwartet werden. Sollten die Daten eine ausreichende Wirksamkeit belegen, könnte ein entsprechendes Medikament ĂŒber eine Sonderregelung vorzeitig den Weg in die regulĂ€re Patientenversorgung finden.
