Mentale Belastung: 51% der Unternehmen berichten Anstieg
Veröffentlicht am: 18.08.2026 um 02:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bewältigung von Langzeitabhängigkeiten und die Zunahme mentaler Belastungen rücken verstärkt in den Fokus von Gesundheitswesen und Wirtschaft. Am Beispiel von Einzelschicksalen wie dem der 44-jährigen Aline van Proosdij aus Schorndorf zeigt sich die Komplexität von Genesungswegen, während aktuelle Daten eine branchenübergreifende Zunahme psychischer Herausforderungen belegen.
Individuelle Strategien gegen die Suchtspirale
Aline van Proosdij litt über einen Zeitraum von 20 Jahren an einer Alkoholsucht. Während der Corona-Pandemie verschärfte sich die Situation durch einen erheblichen Kontrollverlust. Ein Wendepunkt trat erst nach einer körperlichen Verletzung ein. Seit dem Jahr 2024 gilt die ausgebildete Pflegefachkraft, die zudem mit der Diagnose Morbus Crohn lebt, als trocken.
Ihren Weg aus der Abhängigkeit ebnete eine ambulante Therapie beim Kreisdiakonieverband Schorndorf. Ergänzend suchte sie Unterstützung in einer Facebook-Gruppe, durch Fach-Podcasts und die klassische Suchtberatung. Ein zentraler Faktor ihrer Genesung wurde der Sport: Nachdem sie mit dem Laufen begonnen hatte, absolvierte sie 2024 ihren ersten Marathon. Inzwischen bestreitet van Proosdij monatlich ein bis zwei Marathonläufe.
Steigende Belastungen in Gesellschaft und Arbeitswelt
Der Fall steht vor dem Hintergrund einer besorgniserregenden Entwicklung. Berichten zufolge hat sich der Anteil alkoholabhängiger Frauen in Deutschland seit 2018 fast verdoppelt. Auch Personen des öffentlichen Lebens thematisieren verstärkt ihre Suchtvergangenheit.
So beging Mimi Fiedler im August 2026 das achte Jahr ihrer Abstinenz. Sie berichtete rückblickend über massive gesundheitliche Folgen wie das Erbrechen von Blut nach dem Konsum von zwei Flaschen Gin an ihrem letzten Abend in der Sucht.
Diese individuellen Krisen spiegeln sich zunehmend in der Arbeitswelt wider. Laut der Randstad-ifo-HR-Befragung aus dem zweiten Quartal 2026 beobachten 51 Prozent der Unternehmen eine gestiegene mentale Belastung bei ihren Mitarbeitern. Besonders deutlich ist dieser Trend bei Firmen mit 250 bis 499 Beschäftigten, von denen 73 Prozent eine Zunahme melden.
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Als Haupttreiber nannten 49 Prozent der Befragten die Unsicherheit durch die wirtschaftliche Lage, gefolgt von Veränderungsprozessen mit 45 Prozent und einer hohen Arbeitsmenge mit 37 Prozent. Personalengpässe wurden von 35 Prozent als belastender Faktor identifiziert. Lediglich 3 Prozent der Unternehmen sahen eine abnehmende Belastung.
Neue Ansätze in Therapie und Prävention
Die Forschung sucht nach erweiterten Methoden, um diesen Entwicklungen zu begegnen. Eine Studie in der Fachzeitschrift „Clinical Psychology and Psychotherapy“ aus dem Jahr 2025 untersuchte die sogenannte „Walking Therapy“, bei der Therapiegespräche im Gehen geführt werden.
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Bei 37 depressiven Männern zeigten sich im Freien bessere Ergebnisse als in klassischen Sitzungen. Wissenschaftler führen dies auf meditative Effekte des Gehens und eine erhöhte Aktivität im Broca-Areal des Gehirns zurück, was die Sprachproduktion und den Gedankenfluss fördere.
Gleichzeitig warnen Experten wie Prof. Dr. Hartmut Göbel vor den physischen Folgen von Dauerstress. Ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel könne den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen und unter anderem Bauchfett begünstigen. Zur Prävention werden feste Essenszeiten, mindestens sieben Stunden Schlaf und eine Reduktion von blauem Licht am Abend empfohlen.
In der betrieblichen Praxis gewinnen zudem Konzepte wie „Digital Detox“ an Bedeutung. Eine Bitkom-Umfrage unter 1.004 Personen ergab, dass 22 Prozent der Sommerurlauber einen zeitweisen Verzicht auf digitale Medien planen.
Während bei den 16- bis 29-Jährigen lediglich 17 Prozent diesen Schritt planen, liegt der Anteil bei den über 65-Jährigen bei 32 Prozent. Kritische Stimmen wie die Autorin Kathrin Fischer geben jedoch zu bedenken, dass Achtsamkeitsprogramme nicht dazu dienen dürften, strukturelle oder politische Probleme lediglich auf das Individuum zu verlagern.
